Sie waren es letztlich, die nach dem Untergang der Assyrer das Zepter übernahmen. Und auch sie folgten dem Trend: groß – größer – am größten. Die Könige der neubabylonischen Zeit (626–539 v. Chr.) glänzten genauso wie die Assyrer vor ihnen und übernahmen kurzerhand die Herrschaft über den gesamten Orient.
Lange dauerte es aber nicht, bis es zum Auftritt des letzten Volkes kam, das in der Reihe der altorientalischen Großreiche noch fehlt: die Achämeniden (685–331 v. Chr.). Sie kamen aus dem Gebiet des heutigen Iran und schufen ein orientalisches Weltreich, das bis nach Ägypten reichte. Aber am Ende stießen auch die Achämeniden auf ihren Widersacher. Und der kam ausgerechnet aus Europa. Das Ende aller altorientalischen Weltreiche besiegelte Alexander der Große aus Makedonien (356–323 v. Chr.). Von nun an hatte sich das Blatt für den Alten Orient gewendet. Er verlor seine Vorreiterstellung und wurde fortan von Europäern gelenkt.
In diesem Teil geht es aber nicht nur um die altorientalischen Großreiche und ihre Könige. Damit die reine Machtpolitik nicht überhandnimmt, stelle ich Ihnen auch einige spannende assyrische und babylonische Besonderheiten aus Kunst, Wissenschaft und Technik vor.
Kapitel 14
Das assyrische Großreich – Erobern, Plündern, Deportieren
In diesem Kapitel ...
Aufstieg
und Untergang eines assyrischen Imperiums
Im Wechselbad der Gefühle: die Hassliebe zwischen Assur und Babylon
Assyrische Familienfehden und die Strafe der Götter
Abwechslung muss sein: die fünf assyrischen Hauptstädte
Neue Völker betreten die Bühne: Urartäer, Aramäer und Meder
Die Vorarbeit, die die Könige der mittelassyrischen Zeit (1490–1956 v. Chr.) zur Expansion geleistet hatten, war nicht zu verachten. Darauf bauten nun ihre Nachfolger auf. Schritt für Schritt sollte Assyrien zu einem Großreich werden. Den größten Teil ihrer Energie setzten die Herrscher bei der Bekämpfung ihrer großen Gegner ein. Das bedeutete ständigen Krieg und militärischen Einsatz. In diesem Kapitel geht es daher vermehrt um Kriege und Eroberungen. Manchmal erledigte sich das Problem mit der Konkurrenz auch von selbst. Babylonien zum Beispiel, ein ehemals starker Gegner im Süden, fiel nach und nach den Aramäern zum Opfer. Das Ergebnis aller assyrischen Mühen ließ sich sehen: Sie hatten als Erste in der Geschichte des Alten Orients ein orientalisches Weltreich geschaffen, das bis an die Grenzen Ägyptens reichte.
Assyriens zweiter Anlauf
Zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. folgten auf den Thron von Assur mehrere Könige in sehr kurzer Zeit aufeinander. Von ihnen weiß man bis auf ihre Namen kaum etwas. Der Anfang war insgesamt nicht leicht, denn die große und letzte assyrische Expansion fing erst mal mit einem Rückschlag an. Von etwa 1050–930 v. Chr. verloren die Assyrer viele ihrer Regionen an die Aramäer, die sich zunehmend im Orient ausbreiteten. Mit Assur-dan II. (934–912 v. Chr.) war damit Schluss. Er brachte die große Wende. Mit seinem Sohn Adad-nirari II. (911–891 v. Chr.) fing dann endgültig eine neue Zeit für Assyrien an.
Adad-nirari
II. (911–891 v. Chr.) ist der erste König einer Epoche, die man heute
neuassyrische Zeit (934–609 v. Chr.) nennt. Das hat weniger etwas mit seinen Erfolgen zu tun – er war nicht erfolgreicher als sein Vater –, vielmehr ist der Grund für den Beginn der neuen Epoche die Chronologie, also die moderne Zeitrechnung (mehr dazu in Kapitel
1). Denn seit der Thronbesteigung des Adad-nirari II. im Jahr 911 v. Chr. kann jedes Jahr
absolut bestimmt werden.
Schritt 1: Rückeroberung und Sicherung
Der König der assyrischen Wende hieß Assur-dan II. (934–912 v. Chr.). Nach dem ersten Rückschlag der Assyrer am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. sorgte er wieder für Auftrieb. Als Erstes gliederte er die ehemals assyrischen Regionen in der Nachbarschaft wieder dem assyrischen Reich ein. Denn er ging vom »assyrischen Reich« aus, über das seine Vorväter im 13. Jahrhundert v. Chr. geherrscht hatten (mehr dazu in Kapitel 13). Und das reichte damals bis zum Fluss Chabur in Syrien. Für ihn war es also das rechtmäßige Erbe seiner Väter, das er sich in seinen ersten Kriegszügen zurückholte. Gleichzeitig brachte er all die Assyrer in die Heimat zurück, die die Angriffe der Aramäer in die Fremde verschlagen hatten.
In den zurückeroberten Regionen baute Assur-dan II. Paläste für die Provinzverwaltung. Außerdem wurden dort überall Truppen stationiert, die bis in die letzten Winkel des Reiches für Rückendeckung sorgen sollten.
Schritt 2: Expansion
Mit Assurnasirpal II. (883–859 v. Chr.) und seinem Sohn Salmanassar III. (858–824 v. Chr.) begann eine neue Ära der assyrischen Expansion. Die Eroberungen von Vater und Sohn übertrafen alles bisher Dagewesene. Dementsprechend gestaltet sich die Masse ihrer Inschriften. Assurnasirpal II. ließ sie gleich in Stein meißeln.
Königliche Annalen waren spätestens seit dem 12. Jahrhundert v. Chr. zur gängigen Praxis geworden. In ihnen wurden Jahr für Jahr alle Kriegszüge, Eroberungen und sonstigen Leistungen eines assyrischen Königs festgehalten, und zwar auf den Wänden von Palästen oder Tempeln. Abgesehen von der Propaganda waren sie auch eine Art Rechenschaftsbericht gegenüber der assyrischen Elite.
Am Anfang seiner Regierung sicherte Assurnasirpal II. die Gebiete im Norden und Osten. Danach stürzte er sich kriegswütig auf Regionen im Westen und führte Eroberungen, die ihn bis zum Mittelmeer trieben. Sein Sohn Salmanassar III. tat es ihm gleich und war dabei sogar noch erfolgreicher. Um es nach Art der Assyrer zu halten, werden hier ihre Eroberungen und Kriegszüge nach den vier Himmelsrichtungen aufgezählt. Einen guten Überblick über die Entwicklung des assyrischen Reiches erhalten Sie zudem in Abbildung 14.1.
Abbildung 14.1 Die Ausdehnung des assyrischen Reiches
Norden
Das Land Chabchu: Seine Einwohner wurden tributpflichtig gemacht. An der Grenze baute Assurnasirpal II. eine Festung mit Namen Dur Assurnasirpal, »Fort Assurnasirpal«.
Die Na'iri-Länder: Im Nordosten im Gebiet um den Vansee hatten sich die Nachkommen der Hurriter ausgebreitet. Man baute dort assyrische Festungen und erhob Tribute. Manche der Städte wurden zu assyrischen Provinzzentren. Trotzdem waren alle Jahre wieder Kriegszüge dorthin vonnöten.
Das Land Urartu: Unter Salmanassar III. kommt es zu ersten Kriegszügen gegen verschiedene urartäische Fürstentümer. Einige der Länder wurden tributpflichtig gemacht.