Mütter
  1. 320 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub

Über dieses Buch

Mütter gelten von jeher als der Mittelpunkt der Familie. Aber auch sie haben verschiedene Aspekte: Von der liebenden Mutter und der weisen Großmutter über die böse Stiefmutter bis hin zur psychopathischen Mörderin ist alles dabei. So facettenreich das Bild der Mütter ist, so abwechslungsreich sind die Geschichten dieser Anthologie. Hier findet sich vieles: von Märchenhaftem über Lyrik, Biographisches, Düsteres, Humorvolles bis hin zu Bizarrem. Das ideale Geschenkbuch für jede Mutter.

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DOROTHE REIMANN
wurde 1975 als drittes von vier Kindern in Papenburg/​Emsland geboren. Seit sie lesen kann, gehört ihr die Welt der Bücher, und darüber kam sie auch zum Schreiben von Kurzgeschichten. Dorothe ist verheiratet und lebt in der Nähe von Hannover, wo sie, wie sie selbst sagt, als Jünger der Schwarzen Kunst arbeitet. Einige ihrer Gedichte sind bereits im Internet zu lesen, und es steht eine erste Veröffentlichung im Rahmen einer Self Publisher Anthologie an. Dorothe sieht die Welt um sich herum mit etwas anderen Augen, was sich auch in der leicht morbiden, schaurigen Thematik ihrer Geschichte niederschlägt. Jedoch lässt sie sich auf kein Genre festlegen, was dem geneigten Leser noch einiges an Überraschungen bieten wird. Mehr über die Autorin:
www.facebook.com/​DorotheReimannAutorin/​

Mutter, sei nicht bös mit mir

In seiner Garderobe war es dunkel. Nur eine einzelne Kerze brannte, ihr fahles Licht passte zu seiner Stimmung. Trotz der Brandgefahr in der Markgräflichen Oper in Bayreuth hatte Jolon durchgesetzt, dass er eine Kerze anzünden durfte. Schließlich war er eine Berühmtheit. Jolon Syrakuse, im Jahre 1905 der größte Sänger des Abendlandes und einer der letzten Kastraten. Seine Musik verzauberte die Massen, die Karten für seine Auftritte waren begehrt und verkauften sich fast wie von selbst.
Jolon saß einfach nur da. Ein Rasiermesser lag auf dem Tisch, daneben ein opulentes Blumenbukett eines Bewunderers. Immer wieder glitt sein glasiger Blick, getrübt von Laudanum und Absinth, zu dem Messer hinüber. Daneben dufteten die Blüten der Callas verführerisch. Sie waren seine Lieblingsblumen.
Jolon spürte sein Herz schlagen. Er war ein großer Mann; jetzt, mit Mitte zwanzig ein wenig fettleibig, aber sein Herz schlug kräftig. Doch mit jedem dieser Schläge spürte er, wie das Blut aus seinen geöffneten Pulsadern von seinen Armen zu Boden tropfte.
Als Knabe bekam er, wie viele seiner Altersgenossen, Klavierunterricht. Seine Mutter, die früh verwitwete Freifrau von Katzenelnbogen, beschloss das so.
„Wir sind eine musikalische Familie, und wer weiß, wozu es nützt“, hatte sie damals bestimmt.
Niemand war da, ihr zu widersprechen. Der kleine Jolon, der damals noch Hubert hieß, bestimmt nicht.
Einzig ein Problem ergab sich: So sehr er sich auch mühte, sich die Finger wund spielte und Tonleitern übte, Hubert kam nie über das hinaus, was sein Lehrer als „Kaffeehausmusik“ bezeichnete.
Seine Mutter tobte. Die Freifrau ersann allerlei, um ihren Jungen, ihr Prinzlein, besser dastehen zu lassen. Doch all das war vergebliche Liebesmüh. Gesellschaften, die sie regelmäßig gab, um einen Protegé für den kleinen Hubert zu finden, endeten meist mit peinlichem Schweigen.
Doch eine dieser Gesellschaften war es, die das wahre Talent des kleinen Hubert an das Licht treten ließ. Es geschah im April 1891, kurz nach seinem elften Geburtstag. Wieder einmal spielte er auf dem Klavier, wohlwissend, dass es niemanden wirklich interessierte. Um mehr Gäste zu dieser Soiree anzuziehen, hatte Huberts Klavierlehrer die Freifrau überreden können, einige andere Talente auftreten zu lassen. Nach seiner Darbietung begleitete Hubert also seine Großcousine am Klavier, während diese die Arie der Königin der Nacht zum Besten geben sollte. Charlotte war siebzehn Jahre alt, und sie hatte eine sehr schöne Stimme, doch sie war wirklich außerstande, sich Texte zu merken. Hubert erkannte nach der dritten Zeile, dass sie ins Schwimmen geriet.
Ohne lange Überlegung sprang er ein. Eine glasklare, wundervoll hohe Knabenstimme erklang, riss Charlottes Sopran mit sich, sie erinnerte sich wieder an den Text und gemeinsam meisterten sie die Arie; brachten sie unter dem begeisterten Applaus und den verwunderten Ausrufen des Publikums zu Ende.
Charlotte knickste und drehte sich dann zu Hubert um.
„Du hast mich gerettet“, hauchte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Hubert, der immer noch auf dem Klavierhocker saß, sah, wie Menschen an seine Mutter herantraten und er hörte, was sie miteinander besprachen.
„Warum haben Sie den Jungen nicht früher singen lassen?“
„Eine wunderbare Stimme! Wie ein Engel!“
„Er hat eine große Gesangskarriere vor sich. Wie alt ist er noch gleich?“
Die hocherfreute und geschmeichelte Freifrau von Katzenelnbogen nannte Huberts Alter, und schlagartig wurde es ruhig in der Gruppe, die sie umgab. Ein Seufzen des Musiklehrers war zu hören, und in die Stille platzte es aus Huberts Mutter heraus:
„Warum auf einmal so still, meine Freunde? Die Welt steht ihm doch offen?“
Einer der Mäzene, die sie zu gewinnen gedacht hatte, nahm sie zur Seite, doch immer noch konnte Hubert hören, was sie sprachen.
„Er ist zu alt, meine Liebe!“
„Zu alt? Er ist erst elf!“
„Und dennoch. Hätten Sie ihn singen lassen, statt ihn mit diesen Klavierstunden zu quälen, wäre er jetzt bereits Soloknabe im Domchor zu Köln. Vielleicht hätte ihn auch der Vatikanchor genommen. Aber so …“
„Aber das geht doch auch jetzt noch!“
Seine Mutter begriff nicht, worauf der Herr hinauswollte.
„Nein, meine Liebe. Er ist elf Jahre alt. In zwei, drei Jahren wird er in den Stimmbruch kommen, und dann wird er nach einer erneuten Stimmausbildung bestenfalls ein guter Tenor sein. Einer von vielen, vielen guten Tenören. Knabenstimmen sind selten. Und eine solche wie seine – hach!“
Der Herr zog ein Schnupftuch aus seiner Hosentasche und tupfte sich theatralisch die Augen, dann ging er zurück zu den anderen Gästen, die miteinander diskutierten.
Hubert sah seine Mutter an. Einen Augenblick lang wirkte sie so zerbrechlich, so dünnwandig wie eine feine chinesische Vase. Doch plötzlich zog ein Ausdruck in ihre Augen ein, den der Junge nie zuvor gesehen hatte. Ja, sie war eine strenge Frau; sie achtete stets auf Gottesfürchtigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung und Moral. Dennoch liebte sie ihn mit ihrem ganzen Wesen. Er war alles, was ihr geblieben war, nachdem ihr Mann erst ihr Vermögen durchgebracht hatte und dann nach einem tragischen Unfall verstorben war.
Doch jetzt erblickte Hubert, ohne es zu ahnen oder es verstehen zu können, in den Abgrund einer zutiefst gequälten Seele, die trotz der Absicht, etwas Gutes tun zu wollen, Recht von Unrecht nicht mehr unterscheiden konnte.
Jolon schreckte hoch. Hatte er ein Geräusch gehört? Oder war er bereits so tief in seine Vergangenheit abgetaucht, dass er Dinge wahrnahm, die weit in der Zeit zurücklagen? Er versuchte, das Glas mit dem Absinth zu erreichen, welches neben ihm auf einem Tischchen stand, doch er war bereits zu schwach. Auf dem Boden sah er die Lache seines roten Blutes, und dieser Anblick ließ ihn wieder zurückkehren in seine Kindheit, die grausamste Zeit seines Lebens.
Tagelang, wochenlang, so hatte Hubert den Eindruck, redete seine Mutter nur mit ihm, wenn es absolut nötig war. Als wenn ihre Gedanken und ihr Herzen von irgendetwas Wichtigem bewegt wurden. Eine Idee, deren Umsetzung aber nicht möglich schien.
Sie bestimmte, er solle ab jetzt Gesangsunterricht bekommen. Jeden Tag kam nun ein älterer Herr zu ihnen, der mit Hubert übte. Der ihn Atemtechnik lehrte und mit seltsamen Stimmübungen quälte; kurzum, der dem Jungen dadurch fast das Singen verleidete.
Irgendwann versuchte Hubert, mit seiner Mutter zu reden.
„Mutter, ich bin Dir dankbar für die Mühe, die Du Dir gibst. Aber ich habe gehört, was geredet wurde. Ich habe keine Möglichkeit, erfolgreich zu werden, und unserem Namen zu mehr Ansehen zu verhelfen. Man sagte, ich sei zu alt!“
Sie lachte laut auf. Doch es war kein fröhliches Lachen – eher eines, das Hubert ängstigte.
„Mein liebes Prinzlein, niemals werde ich Dich aufgeben. Und auch nicht Deinen Erfolg. Du musst mir vertrauen, ich tue alles für Dich.“
Sie umarmte ihn heftig, und Hubert hatte plötzlich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. So als sei er von zuhause weggelaufen, und sie habe sich Sorgen gemacht.
„Bitte, sei nicht böse mit mir, Mutter, ich verstehe nur nicht …“
„Das bin ich nicht. Und ich will stets Dein Bestes.“
Erneut umarmte sie ihn, und dieses Mal gab sie ihm das Gefühl von Geborgenheit.
Die Tage und Wochen vergingen, und Hubert lernte fleißig und er wurde immer besser. Er begann Stücke zu singen, die andersartige Stimmen enthielten; solche, die er nie zuvor gehört hatte. Auf den Notenblättern stand als Komp...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorwort
  6. Grüner Daumen
  7. Paula
  8. Mutter der Drachen
  9. Essen ist fertig
  10. Weihnachten haben wir Sex
  11. Das wundersame Bild
  12. Der göttliche Keksteig
  13. Als Heinrich in den Krieg zog …
  14. Fragmente einer Famili
  15. Le mather mor
  16. Die Nacht von Samhain und ihre Wunder
  17. Sie
  18. Mutter wohnt hier nicht mehr
  19. Ein Strich oder zwei Striche
  20. Schwestern
  21. Apfelschalen
  22. Reproduktion
  23. Blutmutter
  24. Kaffeekränzchen
  25. Hormone
  26. Der ungehorsame Terry
  27. Lichtgeschwindigkeit
  28. Das Ende der Straße
  29. Mutter
  30. Queen Club
  31. Meine Mutter
  32. Die Stars der Krabbelgruppe
  33. Highway to Hell
  34. Mit Muttern im Baumarkt
  35. Nadel und Faden
  36. Mutter, sei nicht bös mit mir
  37. Der VEID e.V.

Häufig gestellte Fragen

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