Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft
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Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft

  1. 611 Seiten
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Über dieses Buch

Das Handbuch befasst sich mit sprachlichen Konstruktionen von Wissen in den Bereichen Geschichte, Politik und Gesellschaft. Thematisiert werden sowohl unterschiedliche fachdisziplinäre Zugänge als auch sprachliche Phänomene (wie Lexeme, Textsorten, rhetorische Figuren) sowie politische, historische und soziale Strukturen (u.a. Akteure, Medien, Erinnerung). Exemplarische Analysen machen zudem deutlich, dass Geschichte, Politik und Gesellschaft voneinander untrennbare Teilbereiche gesellschaftlicher Wissenskonstitution sind.

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Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9783110295863
eBook-ISBN:
9783110395075

ISprachliche Einheiten

Werner Holly

1.Sprachhandlung und Sprachhandlungsmuster

Abstract: Der bis heute zentrale Begriff Handlung steht in der Sprachwissenschaft außerhalb der üblichen hierarchischen Einheitenbildung vom ‚Laut’ bis zum ‚Diskurs’, als paradigmaprägende Kategorie einer pragmatischen Sprachauffassung; auch wenn nicht alles Sprachliche Handlungscharakter hat, ist er für die Beschreibung politischen Sprachgebrauchs unerlässlich. Als Kriterium zur Abgrenzung ‚politischer’ Sprachhandlungen können (nach Luhmann) Kontexte von bindenden Entscheidungen und Macht gelten, eher als das Vorkommen in einem bestimmten Kommunikationsbereich. Sprachhandlungsbezogene Typologien von Mustern sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt, allerdings fällt deren eindeutige Fixierung schwer. Als wesentliche Merkmale öffentlicher politischer Sprachhandlungen muss man Theatralität und professionelle Medieninszenierungen berücksichtigen.
1Sprachhandlungen: Begriffliches
2Politische Sprachhandlungen?
3Sprachhandlungsbezogene Kommunikationstypologien für die Politik
4Theatralität und Medieninszenierungen
5Fazit
6Literatur

1Sprachhandlungen: Begriffliches

Sprachhandlungen gehören seit den 1970er Jahren zu den zentralen Bestandteilen von Beschreibungen des Sprachgebrauchs. Inwiefern sie aber sprachliche Einheiten sind, bedarf der Diskussion. Sie haben keinen festen Rang in den üblichen Hierarchien vom Laut zum Text (oder sogar Diskurs), sie sind keine sprachlichen Zeichen mit Ausdrucks- und Inhaltsseite; man kann sie also nicht ohne Weiteres an bestimmten sprachlichen Formen festmachen.
Die sprachliche Handlung ist dagegen die paradigmaprägende Kategorie einer pragmatischen Sprachauffassung, die davon ausgeht, dass (nahezu) jeglicher Sprachgebrauch als Handeln konzeptualisiert werden kann. Für Feilke (1996, 16 ff.) ist sie – in einer „metatheoretischen Reflexion“ von drei gängigen Modellierungen – die Bestimmungsgröße in einer Perspektivierung von „Sprache als Handlungs-INSTRUMENT“; die beiden anderen sind Sprache als „Grammatik-ORGAN“ bzw. als „Zeichen-SYSTEM“. Zur „Instrument“-Perspektive gehört, dass ‚Pragmatik’ nicht eine Komponente neben anderen wie Phonologie, Syntax oder Semantik darstellt, also nicht nur ein Modul eines Grammatik-Modells, sondern dass sie eben eine eigenständige Sprach-Modellierung liefert, deren Pointe es ist, auf der Mikroebene den Beitrag verschiedener sprachlicher Einheiten in einer Handlungsperspektive zu beschreiben, auf der Makroebene die sprachlichen Verhältnisse als Ergebnisse des Sprachhandelns der Sprachteilhaber.
Das heißt allerdings nicht, dass alle sprachliche Phänomene restlos als Sprachhandlungen oder als Ergebnisse von Sprachhandlungen gesehen werden können (s. auch Holly 2012, 161 ff.). Es gibt in der Sprache eine Reihe von Automatismen, verstanden als „Abläufe, die sich einer bewussten Kontrolle weitgehend entziehen“ (Bublitz u. a. 2010, 9). Dazu gehören nicht nur die paraverbalen und non-verbalen Zeichen, die durch die Verkörperung beim Sprechen als Stimme, Mimik, Gestik, insgesamt als „Körpersprache“, zu den nur schwer kontrollierbaren Anteilen der Semiose gerechnet werden müssen (Krämer 2002, 340); es ist insgesamt zu bedenken, dass die Sprecher auch sonst zwar prinzipiell zu verantworten haben, was sie sagen, dass es aber für Handlungen nur konstitutiv ist, grundsätzlich kontrollierbar zu sein, nicht in jedem Fall tatsächlich kontrolliert. Man kann dann zwar von Handlungen sprechen, sie haben aber zugleich den Charakter von Automatismen.
Verschärft gilt diese Einschränkung der Kontrolliertheit individuellen Handelns für die grundsätzlich polyauktorialen Strukturen der Kommunikation in und mit technischen Medien, die nicht selten dem einzelnen Handelnden die Autorisierung der Letztfassung eines Kommunikats entziehen, wie sich etwa an Polit-Talkshows sehr schön zeigen lässt (s. Holly 2010, 2012, 2014, 2015).
Dazu kommen einige Tücken des Handlungsbegriffs. Meist wird darunter nur ein Prototyp des Handelns gefasst, das als Rationalhandeln mit Absicht, Wille und Bewusstheit ausgestattet ist. Als (sprachliche) Handlungen zu verantworten sind aber auch Fälle von Zwangshandeln (ohne Willen, aber mit Absicht und Bewusstheit), Routinehandeln (ohne Absicht und Bewusstheit, aber mit Willen) oder Versehenshandeln (ohne Absicht, Wille und Bewusstheit) (dazu Holly/Kühn/Püschel 1984, 275– 312). Schon die Konversationsanalyse hat herausgearbeitet, dass Gesprächsverhalten zunächst quasi-automatisch abläuft, sich dabei aber permanent an den Erfordernissen der wechselseitigen Verständigung orientiert (Schegloff/Jefferson/Sacks 1977). Wir sind als Sprecher zugleich unsere ersten Hörer, die in Interaktion mit anderen Schritt für Schritt das, was wir sagen, mit dem, was wir sagen wollten, abgleichen und gewissermaßen von Korrektur zu Korrektur voranstolpern. Jäger (2007, 36) weist darauf hin, dass dies gar nicht anders sein kann, weil wir keinen vorsprachlichen Zugang zu unseren Gedanken haben, weil Sprechen immer an Ausdrucksseiten, also medial gebunden ist, wie es schon von Humboldt sprachtheoretisch entwickelt wurde.
Dazu kommt weiterhin, dass (sprachliches) Handeln soziales Handeln ist und damit an überindividuelle Muster gebunden (Feilke 1996), die dem einzelnen Grenzen der Verfügbarkeit von Handlungsoptionen setzen. Dies gilt generell für alle sprachlichen Strukturen, die – nach Keller (1990) – „Phänomene der dritten Art“ sind, d. h. weder direkt intendiert, noch natürlich entstanden, sondern als kollektive Ergebnisse vieler Einzelhandlungen zu sehen sind, Resultate von invisible hand-Prozessen. Die Regeln und Muster der Sprache und der sprachlichen Handlungen existieren aber – wie die Ethnomethodologie formuliert hat – nur „im Vollzug“ und sind alles andere als deterministische Zwangsjacken (Domke/Holly 2011); sie sind offen für Abweichungen und damit für stetigen Wandel; das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf Varietätenlinguistik und Sprachgeschichtsschreibung. Solche Muster sind eben nicht nur als Beschränkungen der individuellen Handlungsmöglichkeiten zu sehen, sondern vor allem als Grundlagen eines jeden Verstehens, das auf soziale Gemeinsamkeiten angewiesen ist, zugleich aber wegen der möglichen Varianzen und den damit verbundenen Vagheiten immer nur relativ möglich ist, oder in der klassischen Formulierung Humboldts (1827–1829/1963, 228): „Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen […]“.
Die Sprechakttheorie von Austin und Searle hat mit ihrem Versuch, Handlungsstrukturen auf Satzstrukturen abzubilden, zunächst größtes linguistisches Interesse gefunden. Bald wurde aber deutlich, dass die komplexen Bedeutungsstrukturen von Äußerungen in Situationen mit der Idee eindeutiger Entsprechungen von Ausdrücken und Inhalten nicht zusammengehen. Vielmehr sind mitgemeinte Bedeutungen, die nur aufgrund von situativen Elementen zu erschließen sind, eher die Regel als die Ausnahme, sodass das Format von Illokution und Proposition in der Beschreibung von Texten und Gesprächen rasch an Grenzen kommt. Immerhin hat die Diskussion um Sprechaktklassifikationen zu einer Reihe von Einsichten in die Fülle und Heterogenität möglicher Sprachhandlungsmuster geführt; in der interpretativen Praxis haben sich aber andere Konzepte wie z. B. Grices Konversationsmaximen oder aber die ethnomethodologische Konversationsanalyse als ergiebiger erwiesen; auch Ergebnisse der analytischen Handlungstheorie waren hilfreich, etwa die Einsicht in die Polyfunktionalität von sprachlichen Äußerungen, der sogenannte Ziehharmonikaeffekt ihrer Beschreibungen, d. h. die Möglichkeit, einer Handlung mehrere Muster zuzuordnen, die mit einer indem-Relation miteinander verbunden sind (s. z. B. Feinberg 1965/1985, 202 ff.).
Trotz der genannten Einschränkungen liegt der Vorteil einer handlungsorientierten Interpretation sprachlicher Äußerungen darin, dass mit der Kategorie Handlung mehr als nur linguistische Einzelaspekte wie Lexik oder semantische Strukturen in den Blick genommen werden; eine pragmatische Interpretation muss nämlich immer alle möglichen relevanten Elemente einer Äußerung einschließlich ihres Kontextes heranziehen; dies ist besonders in einem Kommunikationsbereich wie dem der Politik gefordert, in dem es ja überwiegend um Entscheidungen geht, also jeweils um die Frage, wie man handeln soll, und in dem alles kommunikativ ist.

2Politische Sprachhandlungen?

Gibt es überhaupt spezifische Sprachhandlungen in der Politik? Oder handelt es sich bei den Mustern, die in der Politik verwendet werden, um solche, die auch in anderen Kommunikationsbereichen vorkommen? Worin könnte die Spezifik politischer Sprachhandlungsmuster bestehen? Es ist auf Anhieb plausibel, dass sich in der politischen Kommunikation typische Muster herausgebildet haben, besonders in institutionellen Kontexten, die stark formalisiert und ritualisiert sind. Entsprechend sind hier zahlreiche Deklarativa zu finden, für die auch von Sprechakttheoretikern gerne politische Beispiele herangezogen werden. Rolf (1997, 201 ff.) nennt etwa ein Parlament, ein Komitee, eine Arbeitsgruppe auflösen; ein Votum abgeben; ein Veto einlegen; von einem Amt zurücktreten; jmdn. als Kandidaten nominieren; jmdn. ernennen; jmdn. von einem Amt suspendieren. Aber erstens gibt es Deklarativa auch in anderen Kommunikationsbereichen (taufen, segnen, verurteilen), zweitens sind auch Muster aus anderen Sprechaktklassen in der Politik nötig, wie etwa dementieren (assertiv), einen Amtseid ablegen (kommissiv), eine Anordnung treffen (direktiv), Protest einlegen (expressiv). Immerhin erkennen wir an den verwendeten Sprechaktbezeichnungen, dass es zumindest politikspezifische oder politiktypische Varianten bestimmter Sprechakte gibt. Was aber macht diese Varianten zu politischen Mustern, außer der Tatsache, dass sie in der Politik vorkommen, was natürlich auch für andere ‚unpolitische‘ Muster gilt wie ‚sich entschuldigen’? Man könnte für dieses Problem eine einfache Lösung darin sehen, politische Sprachhandlungen danach zu bestimmen, ob sie von Politikern stammen oder in einem vorab identifizierten politischen Bereich stattfinden (Girnth 2002; Schröter/Carius 2009).
Hausendorf (2007, 49 ff.) verweist in dieser Frage auf die Luhmannsche Systemtheorie, die als Spezifikum des politischen Systems „die Funktion des kollektiv bindenden Entscheidens“ vorsehe (ebd., 49), bzw. „das Bereithalten der Kapazität zu kollektiv bindendem Entscheiden“ (Luhmann 2000, 84), und damit – so Hausendorf – einen „Fluchtpunkt, auf den hin sich politische Kommunikation zu erkennen geben muss, um als solche in Erscheinung treten zu können“ (Hausendorf 2007, 49). Wie für die anderen gesellschaftlichen Funktionssysteme (Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Religion) ist bei Luhmann auch der Politik ein „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“ zugeordnet, und zwar das Medium Macht, das mit seinem Kode der Unterscheidung von Machthabern und Machtuntergebenen bestimmte Erwartungen und entsprechende Handlungen wahrscheinlich macht. Damit liefert Luhmann für Hausendorf (ebd., 50) ein Kriterium für die Abgrenzung von politischer Kommunikation:
Der Luhmannsche Machtbegriff bietet eine heuristische These, mit der man versuchen kann zu rekonstruieren, wie im Gegenstandsbereich selbst – vereinfacht gesagt: durch die Beteiligten selbst – Politik als relevante Kommunikationsorientierung hergestellt wird. […] Wann immer ‚Akteure’ (welcher Art auch immer) politisch relevant agieren, sollte die Orientierung an der Unterscheidung von machtunterlegenen und –überlegenen an der Oberfläche der sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsformen der Kommunikation nachweisbar sein.
Entsprechend orientiert sich die Bestimmung politischer Handlungsmuster nicht an der Frage, ob sie von Politikern ausgeführt werden oder in einem Kommunikationsbereich, den wir vorab als politisch identifiziert haben, sondern an der Frage, ob...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Einleitung
  6. I Sprachliche Einheiten
  7. II Akteure und Handlungsfelder
  8. III Interdisziplinäre Forschungsperspektiven
  9. Sachregister

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