Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten
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Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten

Bereicherte Ausgabe.

  1. 139 Seiten
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Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten

Bereicherte Ausgabe.

Über dieses Buch

In 'Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten' von Ludwig Thoma taucht der Leser ein in die Welt der bayerischen Kleinstadt, in der scheinbar gewöhnliche Nachbarn und ihre Geschichten im Fokus stehen. Thoma's literarischer Stil zeichnet sich durch eine lebendige und humorvolle Darstellung des Alltags aus, die von einem tiefen Verständnis für menschliche Natur und soziale Dynamiken geprägt ist. Das Buch, das zuerst 1909 veröffentlicht wurde, reflektiert die damalige Gesellschaft und bietet einen einzigartigen Einblick in die Mentalität der bayerischen Kleinstadt zu jener Zeit. Thoma's genaue Beobachtungen und pointierten Dialoge machen 'Nachbarsleute' zu einem zeitlosen Meisterwerk der deutschen Literaturgeschichte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Information

Jahr
2017
eBook-ISBN:
9788027228355

Junker Hans

Inhaltsverzeichnis

Eine Kleinstadtgeschichte

Wie es gekommen war, ob Herr Pfaffinger höflich oder in barschem Tone das Schließen der Türe verlangt, ob Herr Tresser nach dieser Aufforderung erst recht die Türe aufgerissen, ob Herr Pfaffinger in rüder Weise sie dann ins Schloß geworfen hatte und hierauf von Herrn Tresser als ungebildeter Lümmel bezeichnet wurde, während Herr Pfaffinger diesen, Herrn Tresser nämlich, mit dem Worte Lauskerl schon vorher betitelt hatte, läßt sich aus den erregten Schilderungen der angesehenen Bürger Dornsteins nicht unwiderleglich feststellen, – Tatsache ist, daß Herr Tresser Herrn Pfaffinger einerseits an der Gurgel packte, während Herr Pfaffinger andererseits diesem, dem Herrn Tresser nämlich, eine derart schallende Ohrfeige versetzte, daß der Schlag sogar in den hintersten Sitzreihen des Höllbräusaales vernommen wurde.
Von vielen Zeugen des Vorfalles wird erzählt, daß die Tochter des Herrn Magistratsrates Trinkl, Fräulein Fanny Trinkl, über Zugluft geklagt habe, was den neben ihr sitzenden Brauereivolontär Pfaffinger veranlaßte, aufzuspringen und die Saaltüre zu schließen, worauf Herr Rechtspraktikant Tresser dieselbe sogleich wieder öffnete, sei es nun, weil er und einige mitanwesende Beamte es zu heiß fanden, sei es, weil er über die eigenmächtige Handlung des Herrn Pfaffinger entrüstet war, was aber wiederum diesem, Herrn Pfaffinger, als eine Beleidigung seiner Dame erscheinen mußte, so daß er sich zu einem Schimpfworte hinreißen ließ, wobei freilich nicht bestimmt behauptet werden kann, daß nicht etwa Herr Tresser schon vorher den Ausdruck ungebildeter Lümmel gebraucht hatte, kurz und gut, was hier auch übereinstimmend oder verschieden berichtet wird, – Tatsache ist, daß Herr Pfaffinger von Herrn Tresser an der Gurgel gefaßt wurde, und daß dann Herr Tresser eine dermaßen starke Ohrfeige erhielt, daß seine linke Wange anschwoll.
Mir war und ist es nur darum zu tun, eine vollkommen wahrheitsgetreue Schilderung des Herganges zu geben, wobei ich keineswegs, wie Herr Magistratsrat Trinkl, das Verhalten des Herrn Pfaffinger oder, wie Herr Sekretär Hundertkäs, das Benehmen des Herrn Tresser als absolut berechtigt hinstelle, sondern ich möchte ausschließlich die Tatsache klarstellen, daß Herr Tresser einerseits Herrn Pfaffinger körperlich anfiel, während Herr Pfaffinger andererseits diesem eine wuchtige Maulschelle applizierte.
Das Geschehnis läßt sich weder leugnen noch beschönigen, noch auf irgendeine Weise aus der Welt schaffen, und es ist weiter nichts zu erörtern als die Frage, welche Folgen die Mißhandlung eines den besseren Kreisen angehörigen Mannes haben konnte.
In der Tat wurde der Vorfall auch von den bürgerlichen Elementen nach Verlassen des Höllbräusaales lebhaft erörtert, und Bäckermeister Schwarz bewies vielleicht die größte Heftigkeit der Gesinnung.
»Also mir… net… also mir bal oana so was saget… net… also ung’hobelter Lackel oder so was… net… also i… mei Liaba… i den bei de Ohrwaschel nehma und beuteln… hast doch’ g’hört… und nacha oani links und oani rechts abahau’n… vastehst… und nacha no a paar… also mir bal oana kam! Was? sag i… an ung’hobelter Lackel bin i… moanst du vielleicht, weil di dei Vata studieren hat lass’n… derfst du an Bürgersmann, der wo seine Steuern zahlt… net… und wo seine Familli rechtschaff’n ernährt… schimpf’n… sag i… Wer is ung’hobelt? sag i… vielleicht net a Beamta, der sie a so aufführt? Was bin i? A Lackel bin i? Hab Eahna i scho amal an Lackel abgeb’n? Han? Du Herrgottsakrament! sag i. Da hast a paar! sag i…«
»Plärr do net a so!« rief Magistratsrat Trinkl… »Bleib’n ja d’Leut steh’ und schaug’n…«
»Ja no… muß ma si so was hoaß‘n lass’n«?
»Zu dir hat er nix g’sagt!«
»Dös is sei Glück, mei Liaba… mir bal er so was saget! Also den schlaget i sei Batterie scho a so her, daß er alle Engel pfeif’n hörat… Ung’hobelter Lackel möcht er an Bürgersmann hoaß‘n… so a Schreiberg’sell, so a notiger, der wo si net amal was G’scheits z’fress’n kaff’n ko… Dir gib i scho an Lackel… also bloß sag’n braucht er’s zu mir… nix als wia sag’n… sag’ i«
»Mir g’fallt de G’schicht garnet… dös… dös… ich woaß net… da derleb’n mir no was!« sagte der Gold-und Silberarbeiter Elfinger und machte ein bekümmertes Gesicht… »De G’schicht is no net firti…«
»Was is net firti?« fragte Trinkl.
»Ja… dös mit dera Schell’n….
»Dös is allerdings firti. Der hat sei Fotz’n, und gar is…«
»Wer’n ma’s sehen, ob die Sache so einfach verläuft, also gewissermaßen im Sande«, erwiderte Elfinger, der nicht ungerne hochdeutsch sprach.
»Was will er denn mit a Klag?« höhnte Magistratsrat Trinkl.
»Bal er z’erscht ‘s Maul aufreißt, net, und ganz ordinär werd’… und nacha auf’s G’richt laff’n! Na, mei Liaba!«
»G’richt laufen!«
»Ja… da werd halt ‘s G’richt sag’n, Herr Rechtspraktikant, werd’s sag’n, bald Sie eine würkliche Bildung besitzen, dürfen Sie nicht anfangen und die Leute aufreizen, und bald Sie aber die Leute aufreizen, müssen Sie Ihnen halt diese Behandlung gefallen lassen. A so red’t ‘s G’richt! Vastand’n?«
»Ich rede ja überhaupts nicht vom Gericht«, sagte Elfinger etwas ungeduldig.
»Net?«
»Nein… durchaus nicht. Das weiß man doch, daß diese Herren… also… die wo auf der Universität studiert haben… eine Ohrfeige durchaus nicht hinnehmen dürfen wie unsereiner…«
»Geh! Hör’ auf!«
»Nein! Das lest man doch in der Zeitung, daß für solchene Herren eine Ohrfeige sozusagen eine tödliche Beleidigung ist, und auch bald sie nicht wollen, müssen sie doch, indem es ein Ehrenstandpunkt ist…«
»Geh! Hör’ auf!«
»Na, frag’ halt Leut’, die ‘s wissen! Ob eine Ohrfeige nicht mit Blut abgewaschen werden muß, und bald der Betreffende auch vielleicht nicht will…«
»Jetzt muaß i scho sag’n… Elfinger… red’ net gar so saudumm daher!«
»Ich rede durchaus nicht saudumm daher… und überhaupts möchte ich mir das verbitten… net wahr…«
»Kam er da mit’n Bluat o’wasch’n… und solche Sprüch!«
»Weil es wahr ist! Jawohl! Wenn einer natürlich seiner Lebtag in Dornstein hockt als Lebzelter, weiß er nicht, wie solche Vorkommnisse sich auswachsen…«
»O mei! Da balst net gehst!…«
»Ich war dritthalb Jahr in Erlangen, mein Lieber, wo sich eine Universität befindlich ist, und bald du das nicht woißt, kannst es ja nachles’n im Sulzbacher Kalender…«
»I huast dir auf dei Universität!«
»Das ist die Sprache der Ungebildeten… das kann ich dir sagen…«
»Han?«
»Jawohl! Da muß man einmal in der Welt herumgekommen sein, dann schaut man die Sache etwas anders an. Ich hab viel erlebt in dieser Beziehung, und bald ein Student dem anderen eine Ohrfeigen gibt, diese Fälle kenn’ ich, und da entscheidet dann das Ehrengericht, ob dieser Betreffende nicht mit der Pistole in der Hand Rechenschaft verlangen muß…«
»Herrgottsakrament, jetzt sag’ i s’ nomal, a so a spinnata Tropf is ma do aa no net fürkemma…«
»Da spinnt niemand!«
»Net z’ weni, sag’ i…«
»Nein! Durchaus nicht! Das ist der Standpunkt der Satisfaktion, wennst d’ scho amal was g’hört hast von dem!…«
»Da müaßt da Schorschl…?«
»Jawohl!!«
»Da müaßt da Pfaffinger Schorschl si vo an so an notinga Hanswurscht’n nauf schiaßn lass’n?«
»Jawohl!! Das heißt, in dieser Beziehung weiß ja der Betreffende nicht, ob ihn das Schicksal trifft, und äh…«
»Da Pfaffinger Schorschl, der in a paar Jahr de Brauerei von sein Vata kriagt mit achtavierz’g Wirt… und…«
»Was hat denn das damit zu tun…«
»Und dös schöne Sach in Matzing drauß‘n… langa koane vierhundert Tagwerk…«
»… Also…«
»Und a Stuck an achtz’g Küah im Stall… der soll si…? Geh! Wia no a Mensch so daher red’n ko!«
»Wenn du oan net red’n laßt und all’s besser woaßt, na brauch ja i net red’n«, schrie Elfinger, den der Zorn wieder ins Altbayrische brachte.
»Für dös Red’n kriagst d’ nix«, erwiderte der Herr Magistratsrat Trinkl mit gleichfalls erhobener Stimme. »Kam er do mit sein Student’nschmarr’n daher! A Duwäl! Ah! Ah! da kunnt’st scho Grean Baamwirt wer’n!«
»Wenn er an Ehr im Leib hat… vastehst!«
»An Ehr! Woaßt, was da Pfaffinger Schorschl hat? An Diridari hat a! Maxi hat a! Und auf dei Ehr is…«
»Mit dir ko ma net streit’n; dös woaß ma scho! Weil du a Hammi bist!«
»I?«
»Ja du! Für dös bist du bekannt in ganz Dornstoa!«
»Ah! Der is guat! Was bist na du?«
»Is scho recht!«
»Was bist na du? A spinnata Deifi bist d’. Mit’n Bluat o’wasch’n kam er daher! Wasch da du ‘s Hirn mit Salmiak, dös werd g’scheiter sei!«
»Sie sind ein ordinärer Mensch, Herr Trinkl! Ich verkehre nicht mehr mit Ihnen…«
»Bleib’ halt weg, spinnata Deifl! Spinnata!«
Herr Elfinger hatte sich mit raschen Schritten entfernt und war schon in der Dunkelheit entschwunden, da schrie ihm Herr Trinkl noch durch die hohlen Hände nach: »Druck di, du Hanswurscht, mit dein Duwäl!«
Und zum Bäckermeister Schwarz sich noch immer erregt wendend, fragte er: »Hast d’ scho amal so was Dumm’s g’hört? Der bracht’s außa, als wenn da Pfaffinger Schorschl so a Karmenadlstudent waar!«
»I hab’n net recht vastand’n«, sagte Herr Schwarz. »Moant er, daß de mit’n Sabl da so aufanand trischak’n müaßt’n?«
»Oder schiaß‘n, vastehst? Mit da Pistol’n! Der Pfaffinger Schorschl werd si von so an Hungerleider aufi schiaß‘n lass’n. Dös kost da denk’n!«
»Als der oanzige Sohn vom Danglbräu in Matzing!« rief Bäckermeister Schwarz voll Hohn aus, denn auch er hatte sogleich die ganze Lächerlichkeit dieses Gedankens erfaßt.
»Also mir sollt oana mit so a’ra Duwälforderung kem...

Inhaltsverzeichnis

  1. Einführung
  2. Historischer Kontext
  3. Synopsis (Auswahl)
  4. Nachbarsleute: Kleinstadtgeschichten
  5. Analyse
  6. Reflexion
  7. Unvergessliche Zitate

Häufig gestellte Fragen

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