Zweiter Teil: Die Reliquien von Franz Jägerstätter nach der Seligsprechung
1. Die Reliquienstele im Linzer Mariendom
Diözesanbischof Ludwig Schwarz beauftragte den Autor mit der Vorbereitung der liturgischen Feier der Seligsprechung. Am 25. Juli 2007 konnte er in dieser Funktion dem Künstler Prof. Herbert Friedl217 mitteilen, dass die diözesane Kommission zur Vorbereitung der Seligsprechungsfeier beschlossen habe, ein Reliquiar anfertigen zu lassen; während der Seligsprechungsfeier sollte es seiner Bestimmung im Dom übergeben werden. Die konkrete Durchführung dieses Anliegens wurde ebenso dem Autor übertragen. Mit dem Leiter des diözesanen Kunstreferates, MMMag. Hubert Nitsch, und dem Dompfarrer, Dr. Max Strasser, wurde der Platz vor dem Altar Maria, Königin der Märtyrer, rechts von der Taufkapelle dafür gewählt. Herbert Friedl wurde als geeigneter Künstler dazu beauftragt, der dafür Sorge tragen würde, dass das Reliquiar von künstlerischer Güte sei sowie die Verehrung und die Auseinandersetzung mit dem Seligen fördere.218
Nach entsprechenden Vorbereitungsgesprächen wurde entschieden, dass ein Original-Schriftstück eingebunden werden solle. Als geeignet erschien der Bericht über den Traum des Seligen, den dieser 1938 träumte und in welchem er sich vor der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus gewarnt sah. Diesen Bericht, der zur Auswahl stand, hatte Jägerstätter dreimal handschriftlich aufgezeichnet. In Erwägung gezogen wurde auch ein anderer Text von theologisch-spiritueller Tiefe, der den Weg zum Martyrium bezeugte. Hinzu kommt ein in Metall oder Glas zu bearbeitendes Behältnis mit einer Knochenreliquie von Franz Jägerstätter aus der Urne. Friedl wurde gebeten, Vorschläge zu erarbeiten, die Kommission sollte daraus den entsprechenden Entwurf wählen.
Herbert Friedl entwickelte umgehend Entwürfe. Er entwarf einen zylindrischen Behälter aus Acrylglas, der von oben zu öffnen ist. Für die Knochenreliquie wurde ein ebenfalls zylindrischer Behälter aus Metall (Messing) vorgeschlagen. Im Inneren sollte die Reliquie aufbewahrt, aber nicht zur Schau gestellt werden. Der Brief von Jägerstätter mit der Schilderung seines Traumes wurde auf der Innenseite des Acrylbehältnisses angebracht, sodass er gelesen werden kann. Dieses Objekt wiederum ließ der Künstler in eine schlanke, zylindrische Stele aus anthrazitfarbenem, pulverbeschichtetem Metall einbringen, welche im oberen Bereich vier schmale, vertikale Öffnungen aufweist und im Grundriss eine Kreuzform ergibt. Außen gestaltete ein Bibelzitat die Stele, aus Laser geschnittene Buchstaben: WAS KANN UNS SCHEIDEN VON DER LIEBE CHRISTI RÖM 8,35. Darunter angebracht wurde das Zitat von Jägerstätter: SOLLTEN WIR CHRISTEN CHRISTUS NICHT IMMER ÄHNLICHER WERDEN. Auch ein Opferkerzenhalter wurde vorgeschlagen.219
Um eine entsprechende Reliquie für das zu gestaltende Reliquiar zu bekommen, wandten sich die Verantwortlichen an Franziska Jägerstätter und an den Pfarrer von St. Radegund, Josef Steinkellner, der mitgeteilt hatte, dass er einige Reliquien habe, die 1946 aus der Urne genommen worden seien. Die Überbringung der Urne 1946 nach St. Radegund hatte ermöglicht, dass Franziska Jägerstätter in Gegenwart von Pfarrer Karobath aus der Urne vor deren Bestattung an der Kirchenmauer einige kleinere Teile von den Brandleichenresten entnehmen konnte und als persönliche Reliquien aufbewahrte. Von diesen gab Franziska gelegentlich auch einige weiter, z. B. an Erzbischof Thomas Roberts SJ von Bombay (Indien), der diese angeblich in seinem Pektorale trug.220 Diese persönlichen Reliquien waren ohne kirchliche Authentifizierung, aber mit ihren persönlichen handschriftlichen Identifizierungen.
Pfarrer Steinkellner berichtete, dass er und Franziska ein etwa kirschkerngroßes Knochenstück in die Altarplatte der sogenannten Familienkapelle („Zenzkapelle“) in Tarsdorf gegeben hätten, wo es aber von der Feuchtigkeit aufgefressen zu werden drohe. Diese Reliquie wolle er nun für den Dom zur Verfügung stellen. Am 12. September 2007 übergaben Pfarrer Josef Steinkellner, Franziska Jägerstätter und der Mesner der Familienkapelle Johann Maier die besagte Reliquie, wovon die folgende Aktennotiz Kenntnis gibt:
Aktennotiz. Heute haben Hr. Univ.-Prof. Dr. Ewald Volgger OT von der Kath.-Theol. Universität Linz und Hr. Pfarrer Josef Steinkellner in der Familienkapelle („Zenzkapelle“) in Tarsdorf das Reliquiengrab im Altar geöffnet. Wir haben die stark zersetzten Schriften und die ursprünglichen Reliquien, sowie die Reliquie des Seligen Franz Jägerstätter entnommen. Die Reliquie Jägerstätters wurde im Jahre 2001 nach der Renovierung der Kapelle bei der Altarsegnung privat beigelegt. Die Reliquie des Seligen Franz Jägerstätter ist ein Knochenstück aus der Urne. Fr. Franziska Jägerstätter hat dieses vor der Beisetzung der Urne an der Kirchenmauer von St. Radegund im Jahr 1946 daraus entnommen. Fr. Christl Lieben aus Wien hat dieses Knochenstück in einem mit Glasfenster versehenen Medaillon gefasst. Mir [Josef Steinkellner] wurde diese Reliquie von Fr. Franziska Jägerstätter im Jahr 2001 für den Altar der Familienkapelle übergeben. Heute habe ich mit Zustimmung von Fr. Franziska Jägerstätter diese Reliquie an Hr. Prof. Volgger überreicht. Diese Reliquie wird am 26. Oktober 2007 im Linzer Dom bei der Seligsprechungsfeier im Reliquienschrein Jägerstätters feierlich dargebracht. Tarsdorf, 12. September 2007. Es folgen die Unterschriften von Josef Steinkellner, Franziska Jägerstätter, Johann Maier und Ewald Volgger.221
Nach Besprechung und Erwägung der Vorschläge von Herbert Friedl, der Begutachtung durch das diözesane Kunstreferat und nach Rücksprache mit dem Dompfarrer beschloss die oben erwähnte Kommission, die Reliquienstele in Auftrag zu geben. Entschieden wurde zugleich, die Stele auf dem in Erwägung gezogenen Platz beim Märtyreraltar im Dom zu positionieren. Der Zylinder mit der Reliquie und dem Schreiben, das den Traum Jägerstätters wiedergibt, sollte während der Seligsprechungsfeier vor den Altar gebracht und anschließend in die Stele eingesetzt werden.
Nach allen Vorbereitungsarbeiten erfolgte am 19. Oktober 2007 die Einsetzung und Versiegelung der Reliquie in das Reliquiar in der Metallwerkstatt der Fa. Riegler in Steyr in Anwesenheit von Ordinariatskanzlerin Sr. Dr.in Hanna Jurman OSB, dem Künstler Prof. Herbert Friedl, Schlossermeister Karl Kastenhofer und dem Diözesanbeauftragten. Auch darüber gibt es ein Protokoll.
Abb. 27: v. l.: Prof. Ewald Volgger, Ordinariatskanzlerin Sr. Dr.in Hanna Jurman OSB, Schlossermeister Karl Kastenhofer und Prof. Herbert Friedl
Um die Urne kirchenamtlich auszuweisen und zu authentifizieren, fertigte Sr. Dr.in Hanna Jurman OSB das entsprechende Dokument an, das die Geschichte der Urne und der Reliquie kurz zusammenfasst.222
Die Anwesenden, Karin Riegler, Karl Kastenhofer, Christopher Gruber, Sr. Dr.in Hanna Jurman OSB, Herbert Friedl und Volgger, sprachen zuvor das Jägerstätter-Gebet, mit dem sie alle, die auf die Fürsprache des Seligen vertrauen, der Liebe und Barmherzigkeit Gottes anvertrauten.
Das angefertigte Reliquiar enthält auch das Original einer persönlichen Aufzeichnung Franz Jägerstätters, in der er den Traum im Jänner 1938 beschreibt, der ihn vor dem Nationalsozialismus warnte und der den inneren Anstoß zum Widerstand darstellt.
Da es sich bei dem Schriftstück, dessen Verfassungszeitpunkt nicht sicher zu bestimmen ist, um das Original handelt, musste auch die Beleuchtung entsprechend gewählt und bedacht sein.
Abb. 28: Reliquienbehältnis mit Weihrauch und Reliquien-Medaillon
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| Abb. 29 und 30: Gedenkstele für sel. Franz Jägerstätter von Herbert Friedl, 2007 Mariendom Linz |
Im Folgenden das Schreiben Franz Jägerstätters:
Es war in einer Jännernacht 1938 kurz vor dem Einmarsch der Deutschen in Österreich. Erst lag ich bis Mitternacht im Bett ohne zu schlafen obwohl mir nichts fehlte, muss aber dann doch ein wenig eingeschlafen sein, auf einmal wurde mir ein schöner Eisenbahnzug gezeigt, der um einen Berg fuhr. Abgesehen von den Erwachsenen strömten sogar die Kinder diesem Zug zu und waren fast nicht zurückzuhalten, wie wenige Erwachsene es waren, die mit diesem Zuge nicht mitfuhren, will ich am liebsten nicht sagen oder schreiben. Dann sagte mir eine Stimme: Dieser Zug fährt in die Hölle. – Dann nahm mich jemand bei der Hand und sagte zu mir: So jetzt gehen wir ins Fegefeuer. Was ich da für ein Leiden geschaut und verspürte, war furchtbar; hätte mir diese Stimme nicht gesagt, dass wir ins Fegefeuer gehen, so hätt ich nicht anders geglaubt, als ich würde mich in der Hölle befinden.
Es waren wahrscheinlich nur Sekunden vergangen während ich...