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1. EINFÜHRUNG IN DIE THEORETISCHEN GRUNDLAGEN DER INTERDISZIPLINÄR ANZUWENDENDEN FORSCHUNGSBEREICHE DER LINGUISTIK
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1.1. ALLGEMEINE EINFÜHRUNG IN DIE NEUROLINGUISTIK
Die Neurolinguistik ist ein Teilgebiet der Linguistik, das den Zusammenhang von alltäglicher, natürlicher Sprachverarbeitung und Gehirn behandelt. Bevorzugtes Anwendungsgebiet der Neurolinguistik sind verschiedene Formen von Sprachpathologien wie etwa Aphasien, psychotische und neurotische Störungen oder dementielle Abbauprozesse. Jedoch wird auf diese Arbeitsbereiche nicht weiter eingegangen, da sie nicht dem Rahmen dieser Untersuchung entsprechen. Stattdessen werden die Befunde vom normal funktionierenden Gehirn in Zusammenhang mit der Sprache dargelegt.
In diesem Zusammenhang haben experimentelle neurologische Forschungen die Funktionsstellen von der Sprache und von verschiedenen Aktivitäten im Gehirn lokalisiert. Hinsichtlich dieser Erkenntnisse gibt das anschließende Kapitel dieser Arbeit nähere Auskünfte über das Gehirn und seine Funktionen.
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1.1.1. Neurobiologische Erkenntnisse über das Gehirn und die Lokalisierung der Sprachzentren
Die Entdeckung der funktionellen Gliederung der Großhirnrinde ist eines der bedeutendsten Befunde im Bereich der modernen Gehirnforschung. Um die Arbeitsweise des Gehirns verstehen zu können, soll nun anhand von einigen Abbildungen Auskunft über die funktionelle Einteilung des Gehirns gegeben werden.
Das Großhirn, auch Cortex genannt, ist in zwei Hirnhälften (Hemisphären) gegliedert: die rechte und die linke Hemisphäre. Jede Hemisphäre besteht aus vier Lappen, die durch tiefe Furchen voneinander getrennt werden. Diese Lappen sind, wie unten an der Abbildung zu sehen ist, der Stirnlappen (Lobus frontalis), Scheitellappen (Lobus parientalis), Schläfenlappen (Lobus temporalis) und der Hinterhauptslappen (Lobus occipitalis). (vgl. Legewie, Ehlers 1992, S. 38)
Abbildung 1: (Legewie, Ehlers 1992, S. 36)
Der untere Teil der obigen Abbildung zeigt die linke Hemisphäre des Gehirns und die einzelnen lokalisierten Funktionen. Das mit dem Begriff „Körpermotorik“ gekennzeichnete Gebiet kontrolliert die Muskeln und dadurch die Bewegungen des Körpers, wie zum Beispiel das Gehen oder das Greifen eines Glas Wassers mit der Hand. Die „Körpersensibilität“ ist für die Kinästhetik, den Tastsinn, zuständig und bestimmt allgemein den Gefühlszustand des Menschen, wie zum Beispiel Trauer, Freude oder Angst. Das Areal, das mit „Sprachverständnis“ gekennzeichnet ist, dient dem Verstehen der gehörten Sprache. Der „Gesichtssinn“ verarbeitet die visuellen Signale, die von den Augen aufgenommen werden. Im Bereich des „Gehörs“ werden akustische Eindrücke wahrgenommen, und gleich darunter ist das Feld, dem die Gerüche zugeordnet werden. Das Areal der „Sprachbildung“ ist für den sprachlichen Ausdruck zuständig.
An der folgenden Abbildung soll hervorgehoben werden, dass der Mensch zwei Sprachzentren hat, nämlich das Brocasche Areal und das Wernickesche Areal. Das im Frontallappen angelegte Brocasche Areal ist auf der unteren Abbildung als motorisches Sprachzentrum markiert und übernimmt die Sprachproduktion. Das Wernickesche Areal dagegen, das gleich neben dem Gehörzentrum liegt, ist das sensorische Sprachzentrum und ist für das Sprachverständnis zuständig. (vgl. Ritter 1987, S. 31)
Abbildung 2: (Ritter 1987, S.31/ Bild 5)
Der Franzose Paul Broca hat im 19. Jahrhundert bei einem sprachgestörten Patienten entdeckt, dass sich am Stirnlappen eine Region befindet, die für die lautliche Produktion von Sprache zuständig ist. Dieses aktive Sprachzentrum grenzt nah an den Bereich des motorischen Rindenfeldes, das die Gesichts-, Zungen-, Kiefer- und Rachenmuskulatur steuert. Dass das Brocasche Areal gerade hier lokalisiert wurde, ist nicht ohne Bedeutung, da die Sprachproduktion und die Artikulation von sprachlichen Lauten hauptsächlich mit der Motorik zu tun haben. Währenddessen lokalisierte der deutsche Wissenschaftler Carl Wernicke das auditive Sprachzentrum, das im Schläfenlappen liegt und sich nah an dem primären Hörzentrum befindet. Dieses Areal wird nach Wernicke benannt und auch als temporales Areal bezeichnet. Dieser Bereich des Gehirns verarbeitet die visuell oder auditiv aufgenommene Sprache und stattet sie mit Sinn und Inhalt aus. (vgl. ebd., S. 31f)
Wie auch in der Abbildung oben zu sehen ist, arbeiten diese beiden Areale im Gehirn zusammen. Ein Areal allein würde einen Menschen nicht sprachfähig machen. Würde zum Beispiel nur das motorische Sprachzentrum funktionieren, könnte man zwar Laute produzieren, doch wären diese ohne jegliche Bedeutung oder völlig zusammenhanglos. Wenn stattdessen allein das sensorische Sprachzentrum in Takt wäre, würde das zu einem passiven Sprachverständnis führen, doch von einer lautlich oder schriftlich produzierten Antwort oder verbalen Reaktion könnte nicht die Rede sein.
Oben wurde bereits erwähnt, dass das Gehirn aus zwei Gehirnhälften besteht und dass unterschiedliche Areale für verschiedene Funktionen zuständig sind. Wie diese beiden Hemisphären zusammenarbeiten und welche Arbeitseinteilung unter ihnen besteht, wird im nächsten Kapitel untersucht.
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1.1.2. Die kontralaterale Beschaffenheit des Gehirns und die Arbeitsaufteilung der linken und rechten Hemisphäre.
Die beiden Gehirnhälften und ihre Arbeitsfelder sind anatomisch gesehen symmetrisch angelegt, stehen jedoch hinsichtlich ihrer Funktionen kreuzweise (kontralateral) zu der rechten und linken Seite des Körpers. Das bedeutet, dass der Bereich der Körpermotorik auf der linken Hemisphäre zum Beispiel das rechte Bein bewegt und die Körpermotorik der rechten Hemisphäre das linke. Dasselbe gilt für alle anderen Gehirnfunktionen, deren entsprechende Körperregionen paarweise angelegt sind und in rechts und links eingeteilt werden können.
Zudem werden den beiden Gehirnhälften unterschiedliche Funktionen zugeordnet. Obwohl die Hemisphären mit dem Gehirnbalken (Corpus Callosum) (vgl. Bachmann 1993, S. 30) verbunden sind und dadurch gemeinsam arbeiten, leitet jede der Hemisphären eine spezielle Art des menschlichen Denkens und Handelns. Durch die Verbindung des Corpus Callosum ergänzen sich die beiden Hemisphären in komplementärer Weise.
Nach dem amerikanischen Neurophysiologen Roger W. Sperry (zitiert nach ebd., S. 33) wird die Leistungsfähigkeit des menschlichen Denkens von zwei wesentlichen Faktoren bestimmt:
1. Jede Hemisphäre kann unabhängig von der anderen mit Hilfe ihrer eigenen spezifischen Fähigkeiten an der Weiterentwicklung und Formung des neuralen Inputs mitwirken.
2. Durch das Corpus Callosum, welches ein leistungsfähiges Kommunikationssystem zwischen linker und rechter Hemisphäre darstellt, werden die komplementären Leistungen im Gehirn kombiniert und integriert.
Eine tabellarisch aufgestellte Liste der Arbeitsteilung soll hier die linke und rechte Hemisphäre kategorisieren. Die Charakterisierung der beiden Hirnhemisphären erfolgt hierbei nach ihren jeweils dominierenden Funktionen.
Linke Hemisphäre | Rechte Hemisphäre |
die “Wort”-Bibliothek | die “Bild”-Bibliothek |
verarbeitet Informationen nacheinander | verarbeitet Informationen gleichzeitig |
hält eine feste Reihenfolge (Sequenz) ein: auf A folgt B, dann C | erfaßt (simultan) ein komplexes Bild |
registriert einzelne Informationen: einen Flügel | erfaßt das Ganze: einen Vogel |
zergliedert die Welt in überschaubare Ausschnitte und Teile (analytisch), wichtig sind dabei die Unterschiede zwischen den Teilen oder Ausschnitten | fügt die einzelnen Aspekte zu einer Ganzheit zusammen, wichtig sind hier die Verbindungen |
hält sich an das strenge Ursache-Wirkungs-Prinzip, denkt linear | läßt Ähnlichkeiten und Entsprechungen (Analogien) zu, denkt bildhaft |
konzentriert sich auf quantitativ nachweisbare Fakten: 2+2 | reagiert auf qualitative, situativ-bedeutsame Aspekte: Emotionen |
entwickelt Ideen nach vorliegenden Regeln: hält sich an vorgegebene, festliegende Strukturen, ist dabei stark auf die schon gespeicherten und organisierten Informationen angewiesen | entwic... |