Verbeult, verschlafen - durchgehalten
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Verbeult, verschlafen - durchgehalten

Wie ich als Pfarrer Kirche erlebe

  1. 138 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Verbeult, verschlafen - durchgehalten

Wie ich als Pfarrer Kirche erlebe

Über dieses Buch

"Als alter Mitarbeiter weiß ich, was in unserer Kirche los ist … Sie bietet manchmal ein trostloses Bild. … Trotz allem habe ich durchgehalten, und nach über vierzig Jahren überlege ich, weshalb? Was hat mir in der Kirche die Kraft gegeben, in ihr und mit ihr auszuhalten?" Dieser Frage geht Albert Damblon über Geschichten von Menschen, Begegnungen, alltäglichen Erfahrungen nach. Sie alle lassen etwas spüren von der Freude am Evangelium, machen zugleich aber auch deutlich, dass es gilt, kritisch zu bleiben, warnend die Stimme zu erheben und dem nachzuspüren, was Jesus mit Kirche gewollt hat. Ein aufbauendes Buch, das an die Träume erinnert, die mit Kirche sein verbunden sind.

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Information

Jahr
2017
ISBN drucken
9783429043940
eBook-ISBN:
9783429063559
Wozu brauchen wir Kirchen?
Ich lese ungern Bücher, die mehr als 200 Seiten umfassen. Dann muss Schluss sein, die Geschichte sollte doch endlich ein Ende finden. Ein Buch von 1000 Seiten kostet die Zeit von fünf Taschenbüchern. Aber manchmal zwingen sich die dicken Bücher auf. Du musst es gelesen haben, heißt es. Dann folge ich dem Sog des Trends.
Bekannte schwärmten von Navid Kermani und seinem Wälzer „Dein Name“. 1248 Seiten waren zu bewältigen. Ich traute mich und fing an zu lesen. Spätestens bei Seite 888 wusste ich, dass es sich gelohnt hatte. Ab dieser Seite beschreibt der deutsch-iranische Autor, warum die Kirchen und die Kirche gebraucht werden. Er berichtet, was ihn als Muslim hier beeindruckt hat. Seine Stimme steht nicht unter dem Verdacht, die Kirchen blind zu verteidigen.
Kermani schreibt: „Ich habe mich in Kirchen immer wohl gefühlt, selbst mit Laptop: Niemals waren Blicke skeptisch, obwohl ich mich nicht bekreuzige, nicht die Knie beuge oder zum Abendmahl vor den Priester trete; auch der Auftrag zur Mission, an dem ich mich außerhalb der Kirche reibe, scheint in der Kirche nicht mehr mich zu meinen. In Moscheen wird der Andersgläubige bestenfalls in Ruhe gelassen, in Synagogen ihm ungefragt guter Wille attestiert. Ich habe keine Ahnung, was es ist, dass selbst die Deutschen den Fremden freundlich betrachten, sobald sie in der Messe sitzen. Großvater wird das gleiche gespürt haben, sonst hätte er den Gebetsteppich 1963 nicht am liebsten in Kirchen ausgebreitet, wie mein Vater mir am Telefon noch einmal versicherte.“ Der Muslim findet in den Kirchen Toleranz und Freundlichkeit. Er hat das Gefühl, Gast zu sein. Keiner vertreibt ihn, weil er ein Fremder oder Andersgläubiger ist. Im Gegenteil, er wird eingeladen, so lange sitzen zu bleiben, wie er will. Kirchen sind Räume der Gastfreundschaft, in denen alle ihren Platz finden, arm und reich, fremd und daheim, gläubig und ungläubig, Mensch und Tier. In meiner Kirche habe ich es selbst erlebt.
Ich kannte Paul aus der Stadt schon länger. Auf dem Markt streifte er herum. Ihm folgte gehorsam sein Hund, ein kleiner schwarzer Mischling mit hellen Flecken. Statt an einem Halsband hing er einem Seil, das an einigen Stellen ausfranste. Paul ging es nicht gut. Sein Bart war ungepflegt, und seine Augen bedeckte ein milchiger Schleier. Die Schuhe hatten Löcher, genauso wie die Hose und die Jacke. Selbstverständlich hielt er mir auf der Straße einen leeren Kaffeebecher entgegen.
An einem Sonntag trotteten die beiden, Hund und Herrchen, zum ersten Mal in unsere Basilika. Ich war überrascht, dass sie den Gottesdienst mitfeiern wollten. Gleichzeitig war ich skeptisch, wie die Gemeinde auf Hund und Herrchen reagieren würde. Paul hockte sich in die letzte Bank. Ungewaschen wurde er zum Teilnehmer des Gottesdienstes. Mit einem verschämten Blick gewöhnten sich die Gottesdienstbesucher an das eigenartige Gespann. Ohne aufzumucken, legte sich der Hund unter die Bank, und Paul befestigte das Seil an der Lehne. Nur kurz hatte der Hund in die Runde gespäht und geschnuppert. Dann ließ er sein Köpfchen auf den Boden fallen. Für ihn waren es fremde Gesichter und Gerüche. Er blieb in der Nähe von Paul. Manche warteten darauf, dass er einmal bellen würde. Ihre Erwartungen wurden enttäuscht. Der Hund gab keinen Laut von sich. Durch nichts ließ er sich aus der Ruhe bringen. Nur ab und zu gähnte er und schnappte nach Luft. Vielleicht vertrug er keinen Weihrauch. Während Paul aufmerksam der Predigt lauschte, verschlief er sie, wie es viele in der Messe tun. Dunkle Gesänge der Choralschola überhörte er. Seelenruhig schlummerte er zu Füßen seines Herrchens. Zur Kommunion war ich gespannt, was nun mit den beiden passieren würde. Trat Paul nach vorne und ließ seinen Hund allein? Oder verzichtete er darauf, mitzuessen, um in der Nähe seines Hundes zu bleiben? Paul stand auf und humpelte nach vorne. Der Hund rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte das feste Vertrauen, Herrchen werde zurückkommen. Das Fußgetrappel machte ihm nichts. Ohne Gebell wartete er auf sein Herrchen.
Es dauerte, bis Paul sich wieder in die Bank gesetzt hatte. Der Hund erwachte, blinzelte und blickte sein Herrchen an. Paul wusste genau, worum es ihm ging. Er zog den Hund auf seinen Schoß. Willig, ohne einen Mucks ließ er es mit sich machen und hockte sich auf die Knie von Paul. Anstatt ein Dankgebet zu sprechen, streichelte der liebevoll seinen Hund. Über dessen Rücken wanderte behutsam Pauls schmutzige Hand. Entspannt reckte sich der Hund und verlangte nach mehr. Immer wieder liebkoste Herrchen ihn. Dem Hund gefiel es, die warme Hand auf seinem struppigen Fell zu spüren. Ununterbrochen kraulte Paul den Hund zwischen den Ohren, und der schnurrte zwar nicht wie eine Katze, aber das Behagen war an seinen Augen ablesbar. Pudelwohl fühlte er sich.
Die zwei sind Freunde, die auch den Gottesdienstbesuch miteinander teilen. Kommt Paul jetzt einmal alleine zum Gottesdienst, fragen die anderen sofort nach seinem Hund. Denn Paul und sein Hund gehören als Freunde zusammen, auch in der Kirche. Beide sind Gemeindemitglieder geworden. Kirchenraum und Menschen tolerieren die innige Freundschaft zwischen Mensch und Tier.
Aber ich musste weiter im dicken Buch lesen. Noch einige hundert Seiten standen an. Kermani lässt ausführlich seinen Großvater zu Wort kommen, der sein behindertes Enkelkind zur Pflege nach Deutschland schickte. „Einen Ort, an dem sie besser aufgehoben gewesen wäre als unter diesen barmherzigen Christen, hätte sie nicht finden können, ist Großvater überzeugt, umgeben von einer Hügellandschaft und mit einem eigenen Park, in dem die Nonnen sie täglich spazieren fuhren, dazu gutes, gesundes Essen, saubere, helle Räume und die modernsten Apparaturen und Hilfsmittel. Alles in dem Heim war mit Bedacht eingerichtet worden, alle Abläufe folgten einer Philosophie. Etwa arbeiteten viele der Behinderten regulär mit, so daß sie sich nützlich fühlten und nicht krank. Das Essen auf ihrer Station brachte ein Stotterer, am Empfang saß ein Lahmer, und in der Küche halfen welche mit, deren Kopf anders tickte … Obwohl es von der Kirche finanziert und von einem jungen Priester geleitet wurde, manifestierte sich der christliche Charakter außerhalb der Gottesdienste nur in der Einstellung, mit welcher der Priester, die Nonnen sowie die Pfleger und Pflegerinnen ihrer Arbeit nachgingen: Es war nicht wichtig, welchen Glauben ein Heimbewohner hatte. Wichtig war es, ihm zu helfen.“
Es war noch lange nicht das Ende des Buches, aber das ist Kirche, wie sie sich Jesus gedacht hat. Menschen, die um der Barmherzigkeit willen Menschen dienen, bilden Kirche. Tier und Mensch finden in ihr Heimat. Schade, dass es auch Skandalgeschichten um Kirche gibt, die Kermani widersprechen. Lieber höre ich auf die muslimische Stimme, die meine Erfahrungen verstärken. Sie sagt mir, warum wir Kirche und Kirchen brauchen.
Manchmal lohnt es sich also, dicke Bücher zu lesen. Und die Kirche ist ein dickes Buch. Viele Geschichten sind darin nachzulesen.
Die Geschichte vom barmherzigen Wirt I
Der Gesetzeslehrer sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. … Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm. Er sah ihn und hatte Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein in seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn. (Lk 10,29b.30.33–35)
Die Geschichte ist immer eine Hörgeschichte geblieben. Zur Tugeschichte ist sie selten geworden. Innerlich stimmen wir der Geschichte zu. Sie klingt gut in unseren Ohren, trotzdem kribbelt es nicht in unseren Händen. Wir loben den Samariter über den grünen Klee, doch selbst Samariter oder Samariterin zu sein ist eine andere Geschichte. Zu Recht wehren wir uns gegen „Moralin“ und schalten ab, falls wir uns ermahnt fühlen. Aus dem Lesen wird ein Überlesen. Deshalb erzähle ich ab und zu aus einer anderen Perspektive. Für mich ist es die Geschichte vom barmherzigen Wirt.
Irgendwo auf der Straße zwischen Jerusalem und Jericho. Ein Gasthaus mit einigen Gästebetten. In der Mittagshitze steht der Wirt vor seiner Kneipentür, an der die bekannte Handelsstraße vorbeizieht. Plötzlich entdeckt er in der Ferne ein eigenartiges Gespann, das auf seine Wirtschaft zusteuert. Schon von weitem erkennt er einen Ausländer, der mit seinem Reittier unterwegs ist. Ausländer haben so etwas an sich. Aber er ist nicht allein. Auf dem schwer dahintrottenden Tier liegt halbtot ein jüdischer Landsmann, ein Einheimischer. Je näher sie kommen, desto deutlicher sind die roten Flecken auf seinem Übergewand zu sehen. Blut? Ein Raubüberfall? Fast alltäglich auf dieser Straße. Wer weiß, ob nicht alles nur gestellt ist. Ist der jüdische Bruder eventuell sogar Opfer des Fremden geworden? In dieser Gegend ist alles möglich. Vielleicht wartet der Fremde nur auf eine günstige Gelegenheit, um sich des Opfers zu entledigen. Den Fremden, die ihre eigene Sprache sprechen, ist alles zuzutrauen. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Vielleicht ist der Wirt schon einmal hereingefallen. Eine Menge Gedanken schießen ihm durch den Kopf: Soll ich nicht besser die Kneipentür fest verriegeln, damit meinen Gästen nichts passiert und das bedrohliche Gespann weiterzieht? Solche Typen lasse ich normalerweise nicht in meine Wirtschaft. Sie bringen nur Ärger. Aber der Wirt öffnet seine Kneipentür. Beide dürfen bei ihm übernachten, und der eine pflegt den andern.
Übrigens eine andere Geschichte: Die schwangere Maria und ihr Verlobter, beide Einheimische, fanden keinen Wirt. Ihr Kind wurde in einem Stall geboren, weil die Wirte zu Bethlehem so unbarmherzig waren.
Am nächsten Tag. Der Ausländer lässt den schwer Verwundeten zurück, bezahlt die Nacht und mehr. Der Wirt könne sich ja um den Verletzten kümmern, nur solange bis dieser wieder alleine weiterreisen könne. Sollten noch mehr Unkosten entstehen, sie würden ihm zurückbezahlt. Der Wirt hat jetzt einen Verletzten im Haus und die ganze Last am Hals. Der hochgerühmte barmherzige Samariter ist ihn los. Ich empfinde es als dreist, einen Kranken irgendwo auf Pump zurückzulassen. Weiß denn der Wirt, wie lange die Pflege dauern wird? Weiß er, ob der Fremde zurückkommt und auf Heller und Pfennig alles bezahlt? Wir wissen bis heute nicht, ob dem Gastwirt alle Auslagen erstattet worden sind. Auf jeden Fall erzählen wir bisher keine Geschichte vom barmherzigen Wirt.
Wahrscheinlich meint er, nur seine Pflicht getan zu haben. Dabei war es mehr als seine Pflicht. Trotz aller Bedenken, trotz aller Ängste hat er gehandelt, wie nicht unbedingt ein Wirt handeln muss. Er hätte sich abschotten können, genauso wie sich andere auf dem Weg nach Jericho vor dem Verletzten abgeschottet haben. Es ist zwar sein Beruf, Gäste zu beherbergen, aber ein Wirtshaus ist kein Krankenhaus. Die Wirte von Bethlehem haben so gedacht: Unsere Herbergen sind doch keine Entbindungsstationen. In der Pflichtausübung und in dem Mehr liegt eine Pointe der Samaritergeschichte.
Wir werten oft pflichtbewusstes Handeln ab. Dabei hat die Erfüllung der Pflicht schon viel mit dem Nächsten zu tun. Sie bestimmt meinen Umgang mit ihm. Mit der Pflicht beginnt die Nächstenliebe. Auch wenn der Gastwirt das eigenartige Gespann nur aus Pflichtgefühl beherbergt haben sollte, bei ihm wird aus der Pflicht Barmherzigkeit.
Es ist meine Berufspflicht, Kranke zu besuchen. Unter ihnen gibt es schwierige Menschen, bei denen ich gerne meinen Besuch verschiebe. Ich finde viele Gründe. Dieses oder jenes scheint im Moment wichtiger und spricht gegen einen Besuch. Die Zeit vergeht. Inzwischen ist der Kranke gesund geworden. Auf jeden Fall brauche ich keinen Besuch mehr abzustatten. Ich bin aus der Pflicht entlassen. Weil ich aber meine Pflicht nicht getan habe, habe ich die Barmherzigkeit verpasst, trotz aller Ausreden.
Der Wirt tut seine Pflicht, er tut mehr als seine Pflicht, als er den Ausländer hereinbittet. Er weiß nicht, ob es sich geschäftlich lohnen wird. Ihm geht es um die Hilfe für einen Verletzten. Er ist im Moment der Nächste. Mit den Risiken wird der Wirt schon fertigwerden. Und Nächstenliebe birgt immer ein Risiko in sich. Am Schluss der Geschichte müsste die richtige Frage lauten: Wer von den vieren hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?
Der Wirt hat es verdient, dass die Geschichte vom barmherzigen Samariter aus seiner Perspektive erzählt wird: die Geschichte vom barmherzigen Wirt.
Die Geschichte vom barmherzigen Wirt II
Man kann die Geschichte vom barmherzigen Wirt ruhig zweimal überdenken.
Jesus verfolgt eine bestimmte Absicht, indem er sie erzählt. Schließlich hat ein hochstudierter Theologe ihm eine Streitfrage gestellt. Ein kluger Kopf fragt listig: Wer ist mein Nächster? Der Frager erwartet, dass Jesus eindeutig antwortet. Am besten würde er genau definieren, weil dann ein für alle Mal feststünde, wer der Nächste ist. Eine genaue Definition würde Sicherheit verschaffen. Zweifel wären für immer ausgeschlossen. Jesus muss geschickt argumentieren, um seine Gegner zu überzeugen.
Aber anstatt zu diskutieren und ein Argument an das andere zu reihen, wie es unter Theologen üblich ist, verblüfft Jesus mit einer Geschichte. Sie grenzt nicht ein und vermeidet den Anschein, jederzeit und für alle gültig zu sein. Nach dem herkömmlichen Erzählmuster ist nur der Samariter der Nächste, während der Priester und der Levit keine Nächsten sind. Vom Samariter können alle lernen, wer ein Nächster ist und was ein Nächster tut. Geschichten reizen zum Nachdenken und zum Nachhandeln. Sie bieten offene Lösungen an, die der Mensch in Freiheit annehmen oder ablehnen kann. Deshalb ist die Kirche im Sinne Jesu eine Erzählgemeinschaft. Sie erzählt Geschichten, die den Zuhörerinnen und Zuhörern Freiheit lassen. Ohne zu definieren und festzulegen, weiß jeder, was gemeint ist und wie er sich zu verhalten hat. Obwohl Erzählen ernst zu nehmen ist, macht es gelassen. Über Hoffnung kann nie argumentiert, nur erzählt werden.
Leider erzählen viel zu wenige in der Kirche. Die meisten definieren lieber und grenzen damit ein und aus. Besonders vatikanische Behörden wollen es immer genau wissen. Anstatt Glaubensgeschichten zu erzählen, schreibt der Vatikan fest und vor: Kirche ist erstens das, zweitens das und drittens das. Vor einigen Jahren wurde gefragt oder so getan, als ob gefragt worden wäre, was Kirche ist. Wahrscheinlich wäre die Frage besser nie gestellt worden, denn die Antwort erzeugte kein Nachdenken, sondern nur Widerstand. Besonders die evangelische Kirche fühlte sich herabgesetzt, und der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz bemühte sich, nicht noch mehr Porzellan zu zerschlagen. Dabei lässt sich gut erzählen, was Kirche ist. Wenn sie mehr erzählt, wie Jesus erzählt hat, entdecken die Menschen Lösungen in sich, die sie vorher nicht für möglich gehalten haben.
Was ist Kirche, mit welcher Geschichte beginnen wir? Vielleicht mit der Erzählung vom barmherzigen Wirt?
Christlicher Glaube muß erzählt werden. Weil seine Bekenntnisse und Hymnen, Doxologien und Dogmen geronnene, kondensierte Geschichten sind, verlangen sie danach, als Kurzformeln von Geschichten verstanden, in Erzählungen entfaltet zu werden.
(Edmund Arens)
Im Jahre 2000 hat die Erklärung der Glaubenskongregation „Dominus Iesus“ hohe Wellen geschlagen, dass die evangelischen „Gemeinschaften“ nicht „Kirche im eigentlichen Sinn“ seien. Auf evangelischer Seite wurde diese Erklärung vielfach als Herabsetzung empfunden.
(Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen)
Alte, kluge Sätze …
Als ich 18 Jahre alt war und noch nicht an das Theologiestudium dachte, hielt der mir unbekannte Karl Rahner irgendwo einen Vortrag. Den Namen hatte ich als Schüler nie gehört, wohingegen ich den von Hans Küng damals schon kannte. Von ihm sprach häufig unser Religionslehrer, wenn er uns das II. Vatikanische Konzil erklären wollte. Oft las er uns aus dessen Büchern ein paar Sätze vor.
Der Jesuit Karl Rahner blieb für mich selbst im Studium ein Fremder. Aber seine 16 Bände „Schriften zur Theologie“ stehen in meinem Bücherregal, und ab und zu finde ich darin kostbare Schätze. Als Theologiestudent blieben Rahners Werke für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Sprachlich zu kompliziert, theologisch abgehoben, ich verstand sie nicht. Es war ein Vorurteil, das ich als Kaplan zurückgenommen habe. Für eine Arbeit beschäftigte ich mich nämlich mit narrativer Theologie. Plötzlich kam ich an Karl Rahner nicht vorbei. Ich musste ihn studieren, und ich mühte mich durch verschachtelte Sätze. Aber ich merkte, dass sie eine Fundgrube waren. Sie beschrieben meine Glaubensfreude und vor allen Dingen meine Glaubensnot. Deshalb begann ich als Dreißigjähriger, mir nach und nach seine Schriften anzuschaffen. Sie stehen auf dem Bücherbrett, ohne dass ich sie Seite für Seite gelesen habe. Dennoch weiß ich heute, dass ich die 16 Bände als letzte im Antiquariat abgeben werde, und auch nur dann, wenn im Altenheim kein Platz dafür ist. In meinen 40 Dienst...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelblatt
  3. Widmung
  4. Urheberrecht
  5. Inhalt
  6. Anstoß
  7. Der verbeulte Gefährte
  8. Kapellengeschichte I – Tränen
  9. Kapellengeschichte II – Es geht!
  10. Die brennende Kerze
  11. Martin und Mauer
  12. Urlaubsgeschichte I – Altes und Neues
  13. Urlaubsgeschichte II – Die Grauhaarigen und die Gefärbten
  14. Urlaubsgeschichte III – Kopflos
  15. Urlaubsgeschichte IV – Menschentheater
  16. Der Schluck Wasser
  17. Der Silvestersegen
  18. Schlaf gut oder wachet auf …
  19. Schlaf gut mit Bruder Martinus …
  20. Im ökumenischen Gestrüpp
  21. Ich stehe auf …
  22. Freistoß – ökumenisch
  23. Wozu brauchen wir Kirchen?
  24. Alte, kluge Sätze …
  25. Quellenverzeichnis

Häufig gestellte Fragen

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