Dieses E-Book enthält komplexe Grafiken und Tabellen, welche nur auf E-Readern gut lesbar sind, auf denen sich Bilder vergrössern lassen.Wie hängen Sprache und Partizipation im Schulfeld zusammen? Welche sprachlichen Fähigkeiten sind Voraussetzung für die Teilhabe an Entscheidungsprozessen - zum Beispiel in einem Klassenrat oder Schülerparlament? Welche Sprachkompetenzen werden durch schulische Partizipation besonders befördert? Und was lässt sich aus didaktischer Perspektive daraus folgern? Der Band versammelt Beiträge zu diesen Fragen aus verschiedenen bildungspolitischen, erziehungswissenschaftlichen und (sprach-)didaktischen Perspektiven. Die Artikel orientieren sich am aktuellen wissenschaftlichen Diskurs und erörtern, welche für die Praxis relevanten Einsichten eine forschungsbasierte Auseinandersetzung mit dieser Thematik ermöglichen.

- 212 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
Sprache und Partizipation im Schulfeld (E-Book)
Über dieses Buch
375,005 Studierende vertrauen auf uns
Zugang zu über 1 Million Titeln zu einem fairen monatlichen Preis.
Mit unseren Lerntools kannst du noch effizienter lernen.
Information
Sprache und Partizipation in kooperativen Lernsettings
Nadine Nell-Tuor
1Einleitung
Kooperative Lernformen, bei welchen die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen gemeinsam eine Aufgabe erledigen, genießen auf diversen Schulstufen hohes Ansehen. Zahlreiche Untersuchungen weisen denn auch die Wirksamkeit des Lernens mit Peers nach (vgl. z. B. Hattie 2008, S. 212, Johnson et al. 2000, Slavin et al. 2003). Gleichzeitig wird betont, dass der Erfolg auf bestimmten Bedingungen gründet. Als zentraler Faktor wird in der erziehungswissenschaftlichen wie in der didaktischen Literatur die Qualität der sprachlichen Interaktion gesehen (s. Kapitel 3 und 4). Dies streicht etwa Reusser (2001, S. 2060) hervor: «Probably the most important single feature of a culture of collaborative learning is dialog as opposed to, e.g., solo learning and teacher monologs.»
Wenn also Konsens darüber besteht, dass der Erfolg kooperativen Lernens maßgeblich von der Interaktion abhängt, so ist zu fragen, wie diese von den Lernenden in der konkreten Situation gestaltet wird: Wie wird ein Lerngegenstand zum gemeinsamen Gesprächsgegenstand gemacht? Wer beteiligt sich wie an der Interaktion? Welche (sprachlichen) Mittel benützen die Schülerinnen und Schüler? Wie setzen sie die Vorgabe durch die Aufgabenstellung interaktiv um? Antworten auf diese Fragen lassen Rückschlüsse darauf zu, wie die Lernenden beim kooperativen Lernen angeleitet und unterstützt werden können. Hierzu ist eine detaillierte Analyse der Interaktion notwendig, welche ein gesprächs- und interaktionsanalytisches Vorgehen leistet (vgl. Deppermann 2008, Schmitt 2012, Hausendorf und Schmitt 2017). Dieses nimmt das Gespräch unter den Lernenden in den Blick, wobei das gesamte multimodale Geschehen im Fokus steht (vgl. Schmitt 2012).
Im vorliegenden Beitrag soll anhand eines Einzelfalles folgender Fragestellung nachgegangen werden, welche die obigen Fragen einschließt: Welche interaktiven Aufgaben werden beim kooperativen Lernen an die Schülerinnen und Schüler gestellt und wie werden sie von diesen bearbeitet? Über eine detaillierte Analyse der Interaktion lassen sich empirisch fundierte didaktische Empfehlungen ableiten. Dass diesbezüglich Forschungsbedarf besteht, formuliert de Boer (2015) so: «Wir benötigen genaueres Wissen über das Zusammenwirken von sozialen, peerkulturellen und fachlichen Lernprozessen in kooperativ-interaktiven Lern- und Arbeitssituationen zwischen SchülerInnen, um die Entstehung, Unterbrechung und Entwicklung kollektiver Denk- und Verstehensprozesse besser nachvollziehen und für pädagogischdidaktische Überlegungen fruchtbar machen zu können» (de Boer 2015, S. 32).
Der Zusammenhang von Sprache und Partizipation wird damit gesprächsanalytisch untersucht: Partizipation in gesprächsanalytischem Sinn meint die Beteiligung an Interaktionen (s. Kapitel 2); die angeführte Fragestellung schließt die Frage ein, mit welchen sprachlichen Mitteln sich die Lernenden an der Interaktion beteiligen.
Ein Bezug zum erziehungswissenschaftlichen Partizipationsbegriff (s. Kapitel 2) wird insofern hergestellt, als es in Kapitel 3 darum geht, was unter kooperativem Lernen verstanden wird und mit welchen Zuschreibungen beziehungsweise mit welchen Erwartungen dieses verbunden wird. Dabei wird deutlich werden, dass kooperatives Lernen als schülerzentriert und die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler fördernd angesehen wird. In einem Praxisleitfaden sind kooperative Unterrichtsformen denn auch als «Lernarrangements mit partizipativem Potenzial» (Schulamt der Stadt Zürich 2013, S. 24) aufgeführt.
2Partizipationsbegriffe
Im gesprächsanalytischen Sinn zielt der Begriff der Partizipation auf die Beteiligung an Gesprächen. Er bezieht sich auf Handlungen, die innerhalb interaktiv hervorgebrachter Gesprächsstrukturen ausgeführt werden und Formen von Beteiligung anzeigen (Goodwin/Goodwin 2004, S. 222). Unterschieden werden verschiedene Beteiligungsformen, die Goffman (1981) als Beteiligungsstatus fasst, der von Äußerung zu Äußerung variieren kann: Ausgehend von einer spezifischen Äußerung im Gespräch lässt sich der Beteiligungsstatus jeder anwesenden Person (unabhängig davon, ob sie am Gespräch beteiligt ist oder nicht) bestimmen (S. 137). Die Summe aller Beteiligungsstatus in einem bestimmten Moment stellt das «participation framework» (Goffmann 1981, S. 137) in diesem Augenblick dar. Auf Hörendenseite unterscheiden Krummheuer und Brandt (2001, S. 51) zwischen direkter und nichtdirekter Beteiligung sowie nach Art der Adressierung. So ergeben sich die vier Kategorien «Gesprächspartner», «Zuhörer», «Mithörer» und «Lauscher» (vgl. ebd.; ferner Goodwin/Goodwin 2004, S. 223). Auf Sprecherseite gehören zu den Beteiligungsformen auch eine Unterstellung, ein (verbaler) Zusammenstoß oder eine Nebenhandlung (vgl. Goodwin/Goodwin 2004, S. 223).
Im gesprächsanalytischen Sinn handelt es sich bei Partizipation also um einen nicht-normativ besetzten Begriff: Partizipation ist nicht erwünscht oder unerwünscht, sondern stellt die Beteiligung an Gesprächen in irgendeiner Form dar.
Im Gegensatz dazu ist das erziehungswissenschaftliche Verständnis von Partizipation normativ aufgeladen. Partizipation wird dabei als wünschenswert betrachtet, Reichenbach (2006, S. 39) formuliert zugespitzt, dass oftmals das Motto «Je mehr, desto besser» vertreten werde. Partizipation sei «zunächst einfach als Beteiligung, Teilhabe, Teilnahme, Mitwirkung, Mitbestimmung, Einbeziehung» (ebd., S. 54) aufzufassen, wobei es verschiedene Partizipationsgrade gebe und es stets um die «Einbindung von Individuen in Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse» (ebd., S. 54) gehe (vgl. ferner Marty 2013). Ebenso wird Partizipation im Zusammenhang mit demokratischen Prozessen beziehungsweise Erziehung zur Demokratie gesehen (Friedrichs 2004, Kiper 1997).
Im vorliegenden Beitrag wird Partizipation stets im gesprächsanalytischen Sinn verwendet. Falls der erziehungswissenschaftliche Begriff gemeint ist, wird von Partizipationsanspruch gesprochen, um dem normativen Aspekt Rechnung zu tragen. In der nachfolgenden Definition kooperativer Lernformen findet dieser Begriff Erwähnung, für die Analyse in Kapitel 6 spielt er eine untergeordnete Rolle.
3Kooperative Lernformen
Im Folgenden wird ausgeführt, wie kooperative Lernformen in der erziehungswissenschaftlichen und didaktischen Literatur definiert werden und von welchen Gelingensbedingungen und Erwartungen ausgegangen wird. Die Einzelfallanalyse nimmt darauf Bezug, indem sie die Zuschreibungen interaktionsanalytisch beleuchtet und fragt, inwiefern sich diese in der Interaktion tatsächlich zeigen. In Abschnitt 3.1 werden kooperative Lernformen aufgrund der in der Forschungsliteratur verwendeten Begriffe bestimmt. Anschließend werden Lehrmittel sowie eine Handreichung des Kantons Zug betrachtet (Abschnitt 3.2). Aus diesem Zentralschweizer Kanton stammen die vorliegenden Daten. Zuger Lehrpersonen sind angehalten, kooperative Lernformen im Unterricht einzusetzen. Die Analyse d...
Inhaltsverzeichnis
- Deckblatt
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Sprache und Partizipation – eineiige Zwillinge oder zwei ungleiche Geschwister?
- «Das ist eben so, dass die Schüler kommen, die diskutieren können» – die Bedeutung sprachlicher Fähigkeiten für (schulische) Partizipationsmöglichkeiten
- «Im normalen Leben funktioniert das auch nicht» – Rekonstruktionen des kollektiven Verständnisses von Schülerinnen- und Schülerpartizipation
- «Du mueschs mit de Klass» – wie durch Anzeigen von Nicht-Verfügbarkeit die Partizipation im Klassenrat gesteuert wird
- «=was willst DU denn machen?» – partizipative Ordnungen in Lernentwicklungsgesprächen
- Partizipation und Perspektivität – zum Beitrag von Lernenden an interaktiven Lernprozessen
- Sprache und Partizipation in kooperativen Lernsettings
- Partizipationsförderung in Mikroprozessen des Unterrichts
- Schülerrückmeldungen zur Förderung der Partizipation in der Schule
Häufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit über den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kündigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kündigen kannst
Nein, Bücher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung außerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch Bücher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Erfahre, wie du Bücher herunterladen kannst, um sie offline zu lesen
Perlego bietet zwei Abopläne an: Elementar und Erweitert
- Elementar ist ideal für Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschäftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit über 800.000 vertrauenswürdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. Enthält unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme für die Funktion „Vorlesen“.
- Pro: Perfekt für fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollständigen, uneingeschränkten Zugang benötigen. Schalte über 1,4 Millionen Bücher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Wir sind ein Online-Lehrbuch-Abo, bei dem du für weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhältst. Mit über 1 Million Büchern zu über 990 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Erfahre mehr über unsere Mission
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nächsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Erfahre mehr über die Funktion „Vorlesen“
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-Geräten nutzen, damit du jederzeit und überall lesen kannst – sogar offline. Perfekt für den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Bitte beachte, dass wir Geräte, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch ältere Versionen ausgeführt werden, nicht unterstützen können. Mehr über die Verwendung der App erfahren
Ja, du hast Zugang zu Sprache und Partizipation im Schulfeld (E-Book) von Stefan Hauser,Nadine Nell-Tuor im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten Büchern aus Bildung & Bildungsbiographien. Aus unserem Katalog stehen dir über 1 Million Bücher zur Verfügung.