2.1Forschungsüberblick
Die Konstruktionen, um die es hier geht, sind die Objektvoranstellung (O – V), die Subjektinversion (V – S), das Left Detachment (LD), das Right Detachment (RD) und die Cleft-Konstruktion. Hinzu kommt noch die Prolepse, die wir erst im empirischen Teil kennenlernen werden. Im Neuitalienischen erfüllen sie alle bestimmte Diskursfunktionen, wobei die Funktion der Markierung von Topic und die der Markierung von Focus am wichtigsten sind. Unter «Topic-Markierung» versteht man die explizite Kennzeichnung des aktuellen Gesprächsgegenstands (Topic), zu dessen Bestimmung Reinhart (1981, 64s.) vorgeschlagen hat, die Äußerung durch ‘he said about X that’ (oder dt. ‘was X betrifft’) zu paraphrasieren, wobei X das Satztopic darstellt, während der Restsatz die Mitteilung über dieses Topic (den Comment) enthält (Aboutness-Test).2 Zu den wichtigsten syntaktischen topicmarkierenden Verfahren im Neuitalienischen zählen das LD (la mela, la mangio) und das RD (la mangio, la mela). «Focus-Markierung» lässt sich demgegenüber definieren als die Kennzeichnung einer Information, die nach Meinung des Sprechers für sein Gegenüber besonders wichtig ist.3 Darunter fallen die drei Subfunktionen Kontrast (‘X, nicht Y’), Exhaustive Listing (‘X und nichts anderes/niemand anders’) und emphatischer Focus (cf. Wehr 2000, 257–261). Hierfür sind im Neuitalienischen die Subjektinversion (pago IO), die Objektvoranstellung (MARIA ho visto, non Paolo) und die Cleft-Konstruktion (è MARIA che ho visto) zuständig.4
Diese pragmatisch bedingten Konstruktionen sind dem Sprecher des Italienischen bestens vertraut. Weniger bekannt ist allerdings, dass sie bereits in älteren Texten vorkommen und von den Anfängen der italienischen Sprache bis heute durchgängig belegt sind. Zwar gibt es darüber viele Einzelstudien, aber noch keinen Gesamtüberblick. Die 2010 erschienene, generativ orientierte Grammatica dell’italiano antico (GIA, edd. Salvi, G./Renzi, L.) sowie eine weitere, jüngst veröffentlichte Studie über die altitalienische Wortstellung (Poletto 2014) können diese Lücke nicht schließen.5 Wenn man sich für den Zusammenhang zwischen Pragmatik und Syntax interessiert, ist der theoretische Rahmen der generativen Grammatik, in der die Syntax als autonom angesehen wird, in der Tat wenig ergiebig. In der hier bevorzugten Theorie werden syntaktische Strukturen als Größen angesehen, die maßgeblich durch pragmatische Faktoren bestimmt sind. Mit anderen Worten stellt die Pragmatik «das Prinzip ‹hinter der Syntax›» dar (Wehr 2000, 277; cf. auch 2007, 477).6 Die 2012 von Dardano herausgegebene Sintassi dell’italiano antico (SIA), die man aufgrund ihres funktional-pragmatischen Ansatzes als Gegenentwurf zur GIA betrachten kann, behandelt in erster Linie die Syntax komplexer Sätze (Bei- und Unterordnung), während Wortstellungs- und Segmentierungsphänomene nur am Rande erwähnt werden. Es fehlt also immer noch eine umfassende Untersuchung zu syntaktisch markierten Konstruktionen im Altitalienischen, und genau dies soll in der vorliegenden Arbeit geleistet werden. Zunächst soll aber ein Überblick über die wichtigsten Ergebnisse der bisherigen Studien gegeben werden.
Über die topicmarkierende Funktion von O – V im Altitalienischen sind sich die Forscher im Allgemeinen einig.7 Dabei wird O – V (la mela mangio) dieselbe Diskursfunktion beigemessen wie heute der Konstruktion mit pronominaler Wiederaufnahme (la mela, la mangio) (cf. Marcantonio 1976, 59). Lombardi Vallauri (2004, 306) warnt allerdings vor einer Überinterpretation der Daten, die auf einer «sensibilità […] ‹modernofona›» (2004, 309) beruhe.8 Bei vermeintlich topicmarkierenden Objektvoranstellungen handelt es sich ihm zufolge um eine latinisierende, nicht markierte Wortstellung, die in der literarischen Prosa neben V – O möglich gewesen sei. Nur in nicht literarischen Texten sei die Objektvoranstellung als gesprochenes Merkmal eine Option gewesen, um das Topic zu markieren (cf. 2004, 319–321).9 Fesenmeier (2003) zeigt jedoch anhand eines textsortenübergreifenden Korpus, dass die Voranstellung eines vom Subjekt verschiedenen Satzglieds (darunter O – V) sowohl in literarischen als auch nicht literarischen Texttypen als topicmarkierendes Mittel verwendet werden kann. In welchen Kontexten die Wortstellung O – V vorkommt, wurde bei Nicolosi (2012a, 117–122) untersucht. O – V ermöglicht beispielsweise die Gegenüberstellung von zwei oder mehreren Konzepten (alternatives Topic) oder die Anknüpfung an den Vortext durch Zusammenfassung des zuvor Gesagten («propositionale Anapher»).10 In der vorliegenden Arbeit werden die Ergebnisse von Nicolosi (loc. cit.) wieder aufgegriffen und ausführlich behandelt.
Neben der Objektvoranstellung kannte das Altitalienische zwei weitere syntaktische Verfahren, um das Topic zu markieren: das LD und das RD, die in der italienischsprachigen Forschung besser unter dem Namen «dislocazione a sinistra» bzw. «dislocazione a destra» bekannt sind. Es handelt sich hierbei um das Phänomen, dass ein Element links bzw. rechts vom Kernsatz «abgesetzt»11 wird, innerhalb dessen es zusätzlich klitisch vertreten ist (la mela, la mangio/la mangio, la mela). Im Unterschied zum Konstruktionstypus O – V, der ein Wortstellungsphänomen ist, gehören diese beiden Konstruktionen zu den sogenannten «phrases segmentées» von Bally (1965, §§ 79–99).
Von großer Bedeutung für die Untersuchung des LD und RD im Altitalienischen ist D’Achilles diachronische Studie aus dem Jahr 1990 (1990a, 91–203). Anhand eines umfangreichen Korpus zeigt er, dass beide Konstruktionen von den Anfängen der italienischen Sprache bis Manzoni (19. Jahrhundert) in verschiedenen Varietäten und Textsorten durchgehend nachgewiesen sind. Zudem stellt er fest, dass ihre Häufigkeit in Texten mit dialogischem Charakter, also in fingierter Mündlichkeit, auffallend zunimmt (cf. 1990a, 202). D’Achille führt zwar keine funktionale Analyse des LD und des RD durch – ihm geht es in erster Linie darum, wie «schriftfähig» das LD und das RD, die er als Merkmale gesprochener Sprache schlechthin ansieht, in verschiedenen Epochen und Texttypen sind –, er schafft aber die Grundlage hierfür.12 Indem er das Vorkommen beider Konstruktionen in dem Gesprochenen nahen Texten nachweist, macht er die Anwendung von pragmatischen Methoden auf ältere Sprachmaterialien legitim. Denn: Markierungen von pragmatischen Funktionen kommen bekanntlich in interaktionalen Kontexten (real oder fiktiv) häufiger vor. Außerdem legt das formale Fortbestehen von Segmentierungen über die Jahrhunderte hinweg eine funktionale Kontinuität nahe. (In modernen Sprachen werden sie als topicmarkierende Verfahren schlechthin angesehen.) Der erste Versuch in dieser Richtung ist der Beitrag Nicolosis (2012a, 124–132), in dem die Diskursfunktionen des LD in einigen Texten des Altitalienischen untersucht werden. Zum RD im Altitalienischen hingegen liegt meines Wissens noch keine einzige funktionale Studie vor (cf. aber Nicolosi 2012b, 230–232 zum RD von Subjekten).
Zur Variation zwischen der Wortstellung O – V und dem LD im Altitalienischen wurden vor allem syntaktische Faktoren genannt, wobei zwischen beiden Konstrukt...